Jeder Tourist kennt das Bild: Griechinnen und Griechen, die Sirtaki tanzen. Zuerst sind die Schritte bedächtig, nach und nach werden sie schneller, es folgen Sprünge und Drehungen, mehr oder weniger anspruchsvoll, je nach Vermögen der Akteure. Ein harmloses Vergnügen, könnte man meinen, ein Vergnügen, das mehr den Körper als den Verstand fordert.
Aber weit gefehlt! Erst vor Kurzem sind Wissenschaftler der Universität von Thessaloniki ausgerückt, bewaffnet mit Elektroden und Computern, um von Menschen, die sich auf diese Art betätigen, Elektroenzephalogramme aufzuzeichnen. Genauer gesagt studierten sie tanzende Senioren, Menschen jenseits des sechzigsten Lebensjahrs. An 57 Stellen des Kopfes wurden die Aktivitäten der Tänzergehirne gemessen. Und das Ergebnis war verblüffend.
Doch der Reihe nach. Überall in der industrialisierten Welt steigt das Lebensalter und damit wird es wichtiger, sich mit sogenannten neurodegenerativen Erkrankungen zu befassen, also mit verschiedenen Arten von Demenz. Im Großen und Ganzen geht man davon aus, dass eine Abnahme von Gehirnaktivitäten die Entstehung solcher Krankheitsbilder fördert. Der entscheidende Begriff der modernen Gehirnforschung ist die Neuroplastizität: Nervenzellen brauchen Reize, auf die sie reagieren, um Verbindungen zu anderen Nervenzellen herzustellen. Auf diese Art formen sich im Gehirn zahlreiche Netzwerke von Nervenzellen, die sich untereinander austauschen und von anderen solchen Netzwerken abgrenzen.
Heute weiß man, dass sich das menschliche Denkorgan auch im Alter weiterentwickelt, vorausgesetzt, ihm werden neue Aufgaben gestellt. Zum Beispiel beim Erlernen von Sprachen oder beim Verarbeiten neuer Eindrücke. Man nimmt an, dass kontinuierliche Aktivitäten des Gehirns das vorzeitige Abschalten von Nervenzellen verhindern und damit verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen entgegenwirken.
So weit so gut. Die griechischen Wissenschaftler wollten es aber genauer wissen und setzten die Gehirne ihrer Seniorinnen und Senioren verschiedenen Reizen aus, wie ihrem Bericht zu entnehmen ist, der den wissenschaftlich sperrigen Titel trägt: "Functional Re-organization of Cortical Networks of Senior Citizens After a 24-Week Traditional Dance Programm". Die Studienteilnehmer mussten älter als sechzig Jahre und frei von Symptomen einer Demenzerkrankung sein. Sie wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste übte in 24 Wochen zweimal wöchentlich jeweils eine Stunde lang griechische Volkstänze. Die zweite Gruppe betätigte ihr Gehirn in derselben Zeit auf eine andere Art: Man sah Videos über kulturelle Themen und beantwortete anschließend Fragen dazu.

Small World
Hinzufügen sollte man auch, dass an den beiden Gruppen sehr durchschnittliche Menschen teilnahmen. So lag der Body-Mass-Index, der ein Verhältnis von Körpergewicht und Größe ausdrückt, in der Tanzgruppe bei 30 (Durchschnittsalter 66 Jahre) und in der Kontrollgruppe bei 29 (Durchschnittsalter 68 Jahre). Man könnte also sagen, beide Gruppen waren leicht übergewichtig. Auch die Denkleistungen wurden in beiden Gruppen vor Beginn der Studie getestet und lagen auf demselben Level. Das Ausbildungsniveau war ungefähr dasselbe, ebenso wie die Anzahl von Männern und Frauen. Zwei Gruppen also, die sich zu Beginn der Studie kaum voneinander unterschieden.
Vor allem aber wurden die Gehirnaktivitäten mithilfe eines EEG an 57 Stellen gemessen und die Messungen dann mit modernen Computerprogrammen analysiert. Hintergrund dieser Messungen war die Theorie der "Small-World-Property", bei der es um die Intensität der kleinräumigen Vernetzungsprozesse im Gehirn geht, mit denen sich die moderne Gehirnforschung intensiv befasst. In früheren internationalen Studien hatte man nämlich herausgefunden, dass im Zuge von Demenzerkrankungen die Intensität dieser Vernetzung zwischen verschiedenen Gehirnarealen messbar nachließ.
Und nun das Ergebnis: Bei der Analyse nach dem Trainingsprogramm funkten die Gehirne der Tanzenden nach 24 Wochen deutlich aktiver als die aus der Kontrollgruppe, die sich ebenfalls geistig betätigt hatte. Die Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnbereichen war nach dem Tanztraining nachweislich um vieles komplexer. Vor allem zeigte sich, dass durch das Tanztraining die Informationsflüsse zwischen kleineren Bereichen des Gehirns um vieles intensiver und schneller abliefen. Außerdem hatte sich ganz nebenbei auch noch die Fitness der Tanzenden in dem halben Jahr des Trainings messbar verbessert.
In dieser Klarheit wird die Diagnose vielleicht doch überraschen. Auch in Österreich wurde kürzlich eine Initiative gestartet, in der Tanzschulen und Spezialisten der Universität Innsbruck zusammenarbeiten. Bei der Vorstellung des Programms wies der Neurologe Thomas Berger von der Medizinischen Universität Wien ebenfalls darauf hin, dass Tanzen nicht nur die körperliche Fitness beeinflusst, sondern auch "die kognitive Gesundheit und Fitness". Dabei brachte er den Begriff der "kognitiven Reserve" ins Spiel: "Die kognitive Reserve ist sozusagen der ‚Airbag‘ unseres Gehirns und seiner Leistungen, um bei Erkrankungen des Gehirns eine möglichst große Reservekapazität für die Regeneration zu haben."
Dabei scheint es ja egal zu sein, was immer man tanzt, ob Sirtaki, wie es die Griechen getan haben, Hip-Hop, alpenländische Volkstänze oder Tango. Jede Form des Tanzens stimuliert die Bereiche des Gehirns, die die Bewegungsabläufe vorbereiten müssen. Bei der Pressekonferenz in Innsbruck wies Berger auf Studien an Tangotänzerinnen und Tangotänzern hin, die ebenfalls, ausgehend von der Gehirnrinde, vermehrte Gehirnaktivitäten zeigten.
Nun, ganz so neu sind diese Erkenntnisse natürlich nicht. Vor mehr als zweitausend Jahren schrieb der griechische Dichter Euripides (484–406 vor unserer Zeitrechnung) die Tragödie "Die Bakchen". Zu Beginn dieses Stückes bricht ein alter Mann, der
berühmte Seher Teiresias, zu einem Tanzfest auf. "Ich bin verjüngt und aufgelegt zum Reigentanz", ruft er in die Runde und wehrt sich erbittert gegen Versuche des neuen Herrschers von Athen, Leute wie ihn, den Alten, vom Tanzen abzuhalten. "Der Gott setzt keinen Unterschied, ob ihm der Jüngling bloß oder der ältere Mann tanzen soll", erklärt der weise Mann. Ein bemerkenswerter Satz, der mehr als zweitausend Jahre später nun wissenschaftlich untermauert ist.