Lucile Roy zeigt eine ihrer Kreationen. - © Raphael Lugassy
Lucile Roy zeigt eine ihrer Kreationen. - © Raphael Lugassy

Nicht nur Eingeweihte der Modeszene wissen es längst: Die einfachsten Dinge sind oft am schwersten zu finden. Dies gilt vor allem für Klassiker im Schrank – wie die weiße Bluse. Lucile Roy sitzt auf der Terrasse eines Pariser Cafés und genießt ihren Café Crème. Der dunkelblaue Rollkragenpulli lässt unten am Ärmel überdimensionale blütenweiße Musketiermanschetten hervorblitzen. "Es handelt sich hier um einen meiner ersten Entwürfe, das Modell Luce, heute ein Klassiker der Kollektion", erklärt sie nicht ganz ohne Stolz. Vor fünf Jahren hat die diplomierte Pharmazeutin ihren Job als Marketingexpertin in der Pharmabranche an den Nagel gehängt. Und somit ihrem ehemaligen Metier endgültig den Rücken gekehrt, um in den elterlichen Betrieb in der französischen Region Deux Sèvres einzusteigen. In dieser Schneiderwerkstätte, die von ihrem Urgroßvater im Jahre 1927 gegründet wurde, werden seit vier Generationen hochwertige Männerhemden hergestellt, die Pariser Traditionshäuser Saint Laurent und Balenciaga zählen zu ihren Kunden. "Sogar französische Staatspräsidenten werden von meiner Familie schon seit Jahrzehnten eingekleidet", erzählt Lucile Roy. Eigentlich wollte sie anfangs nur ihren Vater unterstützen. Ein nicht ganz einfacher Entschluss, die Lage war nicht rosig, die Textilbranche hatte mit der zunehmenden Konkurrenz aus China und Osteuropa zu kämpfen. "Mein Vater hat mir ziemlich schnell geraten, meine eigene Kollektion zu entwerfen." Gesagt, getan. Die heute knapp Dreißigjährige, die im heimischen Betrieb zwischen Stoffballen und Garnrollen aufgewachsen ist, war schon immer eine leidenschaftliche Verfechterin des "Clean Chic". Trotz Abstecher in die Pharmabranche. Klasse statt Masse, Qualität statt Quantität sind für sie bis heute keine abgelutschten Modewörter, sondern seit jeher Credo des Betriebs. "So begann ich eben, die Schnitte der Männerhemden zu adaptieren – und die strikten Linien in eine tragbare, etwas femininere Version umzuwandeln." Ihre Zutaten – und dabei steht sie der väterlichen Produktion um nichts nach: tadellose Qualität, beste Ausführung, erstklassige Materialien. "Qualität kann man sehen und angreifen – ein Hemd liegt doch hautnah am Körper."
Die Rechnung ist aufgegangen: Heute, knapp fünf Jahre später, kann Lucile Roys Kollektion – "Ich kenne immer noch fast alle Näherinnen beim Vornamen" – mit insgesamt zwölf Modellen aus diversen hochwertigen Stoffen, von ägyptischer Baumwolle bis Popeline und Seide in Schwarz oder Weiß, aufwarten. Das Monogramm kann – je nach Wunsch – am Ärmel oder knapp über dem Hosenbund eingestickt werden. Das kokette Landhaus ihrer Großmutter Claudie – "meine Muse" – dient als Kulisse und Location für die Fotoshootings ihrer elegant-zeitlosen Kollektion, die heute via Homepage und E-Shop ihre Fangemeinde findet. Das Savoir-Faire, die perfekten Schnitte und die erstklassige Qualität einer Kollektion, die abseits der Pariser Fashionweek und ihres Geschnatters ihre Kundschaft findet, haben sich mittlerweile bis in die Modemetropole Paris herumgesprochen: Internationale Trendsetter und französische Modejournalistinnen sind bei ihr heute Kundin. Eine eigene Boutique in Paris wird es trotzdem nicht geben, Lucile empfängt weiterhin jede Woche Freunde und Kundinnen bei Tee oder Kaffee in ihrem Showroom in ihrer Heimatstadt Bordeaux. Und pendelt zwischendurch mehrmals wöchentlich ins Atelier, das zwei Autostunden entfernt ist, um die Produktion Schritt für Schritt im Auge zu behalten. "Jedes kleinste Detail zählt, hat seine Wichtigkeit, vom Knopfloch über Knopfleisten bis zum Kragen." Der Begriff Slow Fashion ist für sie weit mehr als nur ein abgegriffenes Modewort, sondern vielmehr ein Anliegen. Trotz des Erfolgs hat sie deshalb auch nicht vor, ihre Produktion zu erweitern, neue Modelle zu kreieren. "Es wird ohnehin schon genug konsumiert, vor allem in der Modebranche. Und schließlich wäre mein Hemd kein Luxusprodukt mehr, wenn ich in Serie gehe." Verschickt wird mittlerweile via E-Shop in die ganze Welt. Hübsch verpackt, minutiös verfrachtet. Die Wartezeit beträgt drei Wochen, handgesticktes Monogramm inklusive.