Diese Pariser Fashion Week für die Damen-Frühjahrs- und Sommertrends 2019 wird in die Modegeschichte eingehen als die letzte, an der Karl Lagerfeld noch beteiligt war – und doch schon nicht mehr körperlich präsent. Zum ersten Mal in den 35 Jahren, in denen er als Kreativchef von Chanel gearbeitet und aus dem Pariser Traditionshaus die tonangebende Marke schlechthin gemacht hatte, trat der 85-Jährige am Ende der Schau nicht auf den Laufsteg, um das Publikum persönlich zu begrüßen. "Müdigkeit" wurde als offizieller Grund für das Wegbleiben des eigentlich Nimmermüden genannt. Stattdessen erschien nur Virginie Viard allein, seine bisherige rechte Hand, die nach dem Tod des Modezars im Februar gänzlich in seine Fußstapfen trat und seine bisherige Linie wohl weiterführen dürfte.
In seiner unfreiwilligen "Adieu-Kollektion", die Lagerfeld diesmal im Dekor eines südländischen Gartens mit einer italienischen Villa im Hintergrund präsentierte, zeigte er noch einmal all sein Können und seine Lust, sich unter Verwendung historischer Bezüge neu zu erfinden: Diesmal prägten Anleihen aus dem 18. Jahrhundert, einer seiner bevorzugten Epochen, die Schau mit einer Überfülle an Blumenmotiven und Stickereien, dem spielerischen Einsatz weiter Volumen und mit Bustiers, die feminine Kurven betonten. Und was Chanel vorgibt, ist stilbildend – das galt einmal mehr. Das bedeutet, dass diese Saison unter dem Zeichen des Hedonismus und der Fröhlichkeit steht, kräftige und zugleich Pastell-Töne sind ebenso im Trend wie elegant geschwungene Silhouetten, die die Schultern entweder abrunden oder ihre Kanten durch geometrische Formen betonen. Damit bildete Chanel einen Kontrast zu weit ausgestellten Glockenröcken oder solchen in Etuiform. Satin-Entwürfe in zuckrigen Farben betonten den romantischen Touch; auch die unverzichtbaren, schicken Tweed-Kostüme fehlten in Lagerfelds letzter Kollektion nicht.
Ein raffiniert gearbeiteter Kragen verwandelte sich in einen Bolero, doppelreihige Knöpfe auf einer Lederjacke oder auf dem kleinen Schwarzen sorgten für einen originellen Touch, Schiffkrägen für eine lang gezogene Silhouette. Für den Strandbesuch schlug Lagerfeld Retro-Bikinis vor, mit tiefer Taille oder schwarz-weiß mit asymmetrischen Formen und einer Schleife an der Schulter. In eine ähnliche Richtung wie Chanel ging Valentino: Kreativdirektor Pierpaolo Piccioli präsentierte Blumendrucke auf voluminösen Prinzessinnenkleidern, fliegende Rüschen und mit Blüten übersäte Entwürfe. Dass der Frühling frühlingshaft und der Sommer sommerlich wird, zeigten die floralen Muster auch bei vielen weiteren Modehäusern: Bei Altuzarra stachen kräftig rote Blumendrucke auf einem zart transparenten Kleid besonders ins Auge, bei Dior ein mit weißen Blüten besetzter seidiger Traum in Olivgrün, bei Miu Miu ein schwarzer Kimono mit riesigen gelben Blüten.
Ganz besonders "en vogue" sind bei den kraftvolle Farben Rot und Orange. Einen Mandarinen-Ton deklinierten mehrere Häuser hinauf und herunter, von Valentino mit einem Plisseekleid über Hermès mit einem sportlichen Parka und eine schicke Lederjacke bei Versace bis zum Safran-farbenen Trenchoat bei Dries Van Noten. Daneben dürfen es auch schon mal schrille Neonfarben sein, vom Warn-Orange bis zum schrillen Gelb wie bei einem mit Pailletten besetzten Oberteil bei Dries Van Noten. Auch Militär-Kaki ist im Kommen, allerdings in einer sehr weiblichen Variante auf weichen Stoffen und Formen, die den Körper umschmeicheln wie bei einem Hosenanzug von Givenchy mit weiten Beinen und eng um die Taille geschnürtem Gürtel.
Allgegenwärtig waren aber auch Pastellfarben auf zartem Satin oder Tüllstoff – von Flieder über Hellblau bis Puderrosa wie bei Miu Mius glitzerndem, faltigen Sommerkleid mit riesiger Schleife an der Schulter. Auch schwarze Blazer kommen in den verschiedensten Varianten, ob mit weit ausgestellten Hosen wie bei Haider Ackermann oder tailliert und mit einem schwindelerregenden Dekolleté, das fast bis zum Bauchnabel reicht – gesehen bei Ann Demeulemeester, Givenchy oder Alexander McQueen. Für eine in klassisch elegantere Form des Damenanzugs entschied sich hingegen Dior-Designerin Maria Grazia Chiuri.
Auch Beige und Weißtöne passen in den aktuellen Kleiderschrank: Stella McCartney präsentierte Damenanzüge mit Überweite, Rochas ebenfalls einen XL-Anzug in Blassrosa, Louis Vuitton einen gerade geschnittenen Blazer in makellosem Weiß.
Besonders wichtig werden Accessoires. Auf den Kopf passt am besten zur sommerlichen Leichtigkeit ein Strohhut, als sportliche Schirmmütze oder mit weiter Krempe und breitem schwarzen Band. Die Tasche und der Gürtel werden zum unverzichtbaren Schmuckstück, gerne auffällig glitzernd und verziert mit Strass. Üppig statten sich die Frauen in dieser Saison mit Ketten und Armreifen aus, an den Ohren hängen überdimensionale Ringe, in den Haaren stecken große Klammern.
Insgesamt überwiegen weite Formen, die den Körper locker umspielen, für eine selbstbewusste Weiblichkeit, die statt auf hautenge Entwürfe auf ein nicht minder sinnliches Spiel mit Andeutungen setzt. Eine Ausnahme bildet die Radlerhose – ob eng und knapp unter einem anliegenden Minikleid getragen wie bei Acne Studios, in einer ebenso engen orangefarbenen Variante unter einem riesigen, am Bauch geknoteten Hemd wie bei Jacquemus oder im weißen Sportlerinnen-Look wie bei Marine Serre.
Jeans sind ein weiterer Sommer-Trend für ein lässig-sportliches Auftreten, ob in Form von Kargo-Hosen, Jacken, Bermudas, Minikleidern oder Trapezröcken. Balmain zeigte ein weit geschnittenes, hoch tailliertes Modell in einer ausgewaschenen Variante mit weißen Schneeball-Effekten auf dem Stoff.
Manche Mannequins bei diversen Schauen wirkten darüber hinaus, als stiegen sie gerade aus dem Wasser, wo sie einem Fischer ins Netz gingen: So sah es bei einem sexy löchrigen Entwurf von Altuzarra in einem warmen Orangerot aus, über den sich ein schwarzes, mit Muscheln und Perlen besetztes Netz legte, während Louis Vuitton eher mit einem mittelalterlich angehauchten Kettenhemd experimentierte. Auch transparente Entwürfe und nackte Schultern verliehen denselben Eindruck einer selbstbewusst zur Schau gestellten Weiblichkeit. Die Angst aufzufallen ist in diesem Sommer
unangebracht – die befreite Frau probiert aus, sie glitzert und strahlt. Mehrere Häuser von Isabel Marant über Balmain bis Celine zeigten Pailletten-Shirts und Disko-Look, der wohl nicht auf die Nacht allein begrenzt bleiben muss. Burberry und Balenciaga probierten es mit Leoparden-Muster, während der Schlangen-Look auf Röcken oder Minikleidern bei Saint Laurent und Gucci einen großen Auftritt bekam.
Für den modischen Mann überwiegt in diesem Frühjahr und Sommer die schicke Eleganz. Der Streetwear-Trend, der die vergangenen Saisons bestimmte und auch den Kooperationen von Modehäusern mit Sportmarken mit geschuldet war, geht zurück und macht wieder mehr Seriosität in den Kleiderschränken der Herren Platz. Zwar gibt es noch Sportjacken in XL-Größe und bedruckte Shirts; auch die zuletzt unverzichtbaren Sneakers müssen noch nicht in den Keller geräumt werden, sondern bleiben in Kombination mit einem Anzug völlig akzeptabel. Aber neu im Kommen sind Cowboystiefel in den verschiedensten Farben und vor allem dürfen es nun auch wieder zeitlose Leder- oder polierte Lackschuhe sein. Der klassische Zweiteiler, gerne in einer weiten, fließenden Variante, die lässig den Körper umspielt, erlebte bei den Männer-Modeschauen in Paris ein Revival in den Kollektionen von Celine, Dior Homme oder Louis Vuitton. Mehrere Häuser präsentierten diesen in makellosem Weiß. Balenciaga brachte darüber hinaus wieder Schulterpolster ins Spiel und auch Gucci nahm Anleihen aus den 70er Jahren mit Schlaghosen und quer gestreiften Pullundern über dem Sakko. Was bei den Damen schon längst salonfähig ist, hat auch die Herrenmode erreicht: Das vorne in die Hose gesteckte Hemd oder Shirt, was dem Träger eine sportliche Lässigkeit verleiht. Die große Bedeutung der Accessoires in der Damen-Mode färbt auch auf jene der Herren ab, die sich mehr und mehr mit einer Handtasche ausstatten dürfen, ohne feminin zu wirken: Fendi und Givenchy legten ihnen Brustaschen um, bei Alessandro war es das business-mäßige Handköfferchen, bei Burberry eine elegante Leder-Reisetasche. Eine Alternative waren Hemden mit vielen und großen Taschen bis hin zu Westen, die fast nur noch aus solchen zu bestehen schienen, wie bei Off-White in einer strahlend weißen Version und bei Junya Watanabe in dunklem Denim-Stoff. Nur bei Gucci sah das Täschchen für den Mann fast verstörend damenhaft aus; aber Gleichberechtigung ist schließlich in aller Munde, was in diesem Fall für die Herren galt. Ähnlich wie die Dame trägt auch der Mann in diesem Sommer einen Strohhut auf dem Kopf oder in der Hand – bei Valentino war es ein dem Outfit angeglichener Fischerhut, bei Fendi reichte er tief ins Gesicht.
Noch so ein Tabubruch für etwas mehr Freiheit der Männer, nämlich Beinfreiheit, sind kurze Shorts als Alternative zu den bei heißen Temperaturen ungemütlichen langen Hosen: Prada zeigte kurze Versionen in einer abwechslungsreichen Farbpalette von klassischem Schwarz bis auffälligem Rot, Vetements präsentierte sie in einem konservativen Karomuster, Hermès in strahlendem Weiß. Auch obenherum darf es in diesem Frühjahr und Sommer bei den Herren gerne etwas weniger sein: Bei Acne Studios und bei Hermès befand sich jeweils unter einem beigefarbenen Trenchcoat oder einer silbrig glänzenden Anzugjacke zur passenden Hose – nichts. Eine Alternative war, wie bei Y Project, das weit geöffnete Hemd, das nur der unterste Knopf noch zusammenhielt. Ein freier Oberkörper unter einer offen getragenen Jacke oder einem Zweiteiler wird zwar kaum in den Büros Einzug halten, tat es aber immerhin auf den Laufstegen.