Nicht nur Kaiserin Sisi war gern in Ischl. Die liebliche Landschaft und das Veilchensorbet vom Zauner haben auch so manchen Literaten in ihren Bann gezogen. Die Stadt an der Traun, bekannt für Salz, Solebad und Kurschatten, hat an allen Häuserecken und -enden mit zahlreichen Anekdoten über die damalige Sommerfrischeprominenz aufzuwarten. In der k&k Kurapotheke beispielsweise (seit 1807), von wo jeden dritten Tag fünf Liter destilliertes Wasser in die Kaiservilla gebracht werden mussten, damit sich die Kaiserin in dreistündiger Prozedur die Haarpracht pflegen konnte, waren beispielsweise auch ein gewisser Franz Léhar oder auch der Pianist Peter Kreider ("Der blaue Engel") Kunden.

Ob es einfach daran lag, dass im Jahr 1877 die Eisenbahnlinie fertiggestellt wurde und man nun nicht mehr mit Postkutsche und Schiff über den Traunsee nach Ischl reisen musste oder ob es ganz einfach nur die liebliche Seenlandschaft oder sogar das Landklima und die gute würzige Luft des Salzkammerguts war, die die empfindsamen Literatenseelen inspiriert hat, sind sich Experten und Historiker bis heute nicht ganz einig. Die Wanderungen in den Wäldern rund um die Kurstadt haben jedenfalls den passionierten Pilzesammler Sigmund Freud zum Schreiben seines Werkes über die Traumdeutung angeregt. Auch Hugo von Hoffmannsthal, Arthur Schnitzler, Karl Kraus oder Friedrich Torberg, der gerne in Gesellschaft zu sagen pflegte, "Ischl wurde nur immer während der Sommermonate Wirklichkeit", waren hier gern zu Gast.

Franz Werfel stieg mit Gemahlin Alma Mahler-Werfel (die die Region schon aus ihrer Kinderzeit gut kannte) im Sommer 1936 im Hotel Elisabeth ab. Das sehr zentral gelegene Luxushotel in der Pfarrgasse, wo heute Wohnungen und ein Café untergebracht sind, zählte zu den großen Häusern in Ischl. Seine illustren Gäste hießen Wilhelm von Serbien, Edward VII. von England, aber auch Theodor Herzl oder Mark Twain, der sich allerdings mit seinem richtigen Namen Samuel Langhorn Clemens ins Gästeblatt eintrug. Theodor Herzl berichtete 1897 als Korrespondent nicht nur über das Leben und Treiben der damaligen High Society, sondern auch über das Hochwasser, das die Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzte.

Kraus, Musil und Zweig waren schon seit ihrer Kindheit mit dem Ischler Virus infisziert. Sie kamen mit ihren Eltern, wie es sich für Sprösslinge des gehobenen Bürgertums so ziemte. Universitätsprofessor Alfred Musil kam mit Ehefrau Hermine und Sohn Robert schon im August 1894, einige Jahre später kehrten sie zurück – da Hermine Musil den Kurort und seine Bäder schätzen lernte. Im "Mann ohne Eigenschaften" hat Musil dann auch seine Kindheitserinnerungen von Ischl verewigt. Er beschreibt im Kapitel 2 das bunte Treiben auf der Esplanade, der beliebten Uferpromenade an der Traun, wo "sehen und gesehen werden", sprich: das nachmittägliche Flanieren, zum Lieblingssport der Sommerfrische-Gesellschaft gehörte.

Das Hotel Garni Athen in der Kaiser Franz Josefstraße 14, heute ein Wohnhaus, war nicht nur wegen seiner wunderschönen Aussicht auf die umliegende Berglandschaft und seiner interurbanen Telefonanalage sehr beliebt. So stieg auch die Familie Zweig, in der es ebenfalls zum guten Ton gehörte, im Sommer die Frische des Salzkammergutklimas zu genießen, dort ab. Der Autor berichtet in seinem Roman "Die Welt von Gestern" von seinen Kindheitserinnerungen und beschrieb den "Kaiser im grünen Steierhut zur Jagd fahrend". Das damalige Großbürgertum, das mit Kind und Kegel anreiste und oft den ganzen Sommer hier verbrachte, gab sich dabei gerne rustikal chic, um sich auf diese Art und Weise inkognito unters Volk mischen zu können. Die Sommergäste traten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerne in heimischer Tracht auf – Lederhose und Dirndl wurden somit salonfähig. Auch Thomas Bernhard kam vom nahegelegenen Gutshof in Ohlsdorf an die Traun. Er machte gerne einen Abstecher nach Ischl und ließ seiner Lektorin Schokolade vom Zauner liefern. Dass er von Land und Leuten nicht sehr angetan war, tat seiner Kreativität keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Gottwald Herwig und Michael Kurz, Autoren des Reiseführers "Stadtspaziergang auf den Spuren der Literaten" (Ischler Heimatverein) verraten uns noch so einiges mehr über die Literaten in Bad Ischl. So nannte laut Bernhard-Verleger Unseld, der Griesgram der Nation, die Stadt gern "Wetterfleck "oder "Elisabeth II.", Karl Kraus redigierte aus dem sommerlichen "Alpenghetto" die Fackel.