Mariza


Und dann schreitet sie durch den Saal. Zugegeben: Es ist ein bisschen kitschig, wie die Frau mit dem hellblonden Schopf ihren Auftritt beschließt. Mariza, die 45-jährige Portugiesin, schüttelt Hände zur Musik ihrer Begleitband, herzt Besucher, streift bis weit nach hinten in den großen Konzerthaussaal – als wäre sie keine Unterhaltungskünstlerin, sondern ein Staatsgast, wenn nicht ein Sendbote aus dem himmlischen Königreich der Liebe. Und doch sind selbst zugeknöpfte Gäste in diesem Moment wie tränenblind. Denn Mariza verfügt über eine Stimme, die einem Weltwunder gleicht. In jeder Tonhöhe ist sie fulminant, vom fülligen Brustregister bis in rauchige Gipfellagen, in jeder Lautstärke bezwingend. Ob Mariza nun zierliche Arabesken in den Luftraum stellt oder sich zu ihrem vollen, vulkanischen Schalldruck steigert: Dieser Gesang ist tönendes Herzblut.

Geboren 1973 in Mosambik, ist Mariza in Portugal aufgewachsen und hat den traditionellen Fado in sich aufgesogen. Das bittersüße Liedgut wurde zu ihrer Domäne, noch als sie im Kindesalter im Restaurant des Vaters sang. Kaum jemand versteht es besser, die Trauertäler des Fado mit einer fiebrigen Stimme zu beseelen, aus den schwerblütigen Niederungen der Melancholie immer wieder Koloraturen hochschießen zu lassen. An den Fado-Grenzen endet Marizas Kunst aber nicht: Die Portugiesin stellte ihr Stimmkapital auch in den Dienst der brasilianischen Musik und hat charmante Popnummern aufgenommen wie ihren Hit "Rosa Branca" (2008). Im Konzerthaus singt sie übrigens am 14. März 2020 wieder – und ist am Ende womöglich mit einem warmen Händedruck zur Stelle. (Christoph Irrgeher)

Luciano Pavarotti

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien traten in den römischen Caracalla-Thermen die Drei Tenöre auf. Es war natürlich kein Moment für Opernpuristen. Die sahen da eher den dreiköpfigen Klassik-Antichrist im Frack auf der Bühne. Denn Luciano Pavarotti und seine Kollegen José Carreras und Placido Domingo machten da etwas, das einer Kulturelite niemals schmecken kann: Sie machten Opernarien massenpopulär. Eine Milliarde Menschen sah das Konzert und in der Folge wurde eine Puccini-Arie zum veritablen Hit: "Nessun Dorma" aus der Oper "Turandot". Luciano Pavarotti sang damals dieses Stück und ihm gelang etwas, wofür man mehr als simples Gesangstalent braucht. Trotz der Stadionatmosphäre entstand verblüffende Intimität: Er ließ Nackenhaare aufstehen, er ließ Gänsehaut aufprickeln, er ließ Augen feucht werden. Für Pavarotti war es der Beginn einer Art Popstar-Karriere, die in dem Spitznamen gipfelte, der einer der schönsten Stimmen aller Zeiten naturgemäß gebührt: "The Voice". Es ist diese Arie geblieben, die die Kraft seiner seelenaufwühlenden Stimme auch heute noch, 12 Jahre nach seinem Tod, immer wieder unter Beweis stellt: Denn in jeder Singtalentshow versucht sich zumindest einer an "Nessun Dorma" und scheitert grandios an dem Erweckungserlebnis, das Töne sein können. Gesang, der Trost, Hymne, Herzbeben sein kann – das ist einzigartig. Und lässt sich via YouTube noch heute feuchten Auges immer wieder neu erleben. (Christina Böck)