Axel Corti verstand das Geschichtenerzählen wie kaum ein anderer. Seinem tiefen, samtigen und zugleich klaren Timbre und seinen perfekt gesetzten Pausen schenkte man Glauben. Wer seinen letzten "Schalldämpfer" vom 26. Dezember 1993 auf Radio Ö1 nachhört, bekommt aus diesem Grund tatsächlich das Gefühl, dem weisen Rabbi Hillel sei es gelungen, für einen kurzen Augenblick aus dem Jenseits zurückzukehren.

"Zuhörer können leichter folgen, wenn jemand mit einer tiefen Stimme langsam, ruhig, getragen und vielleicht noch markant-melodisch spricht. Das Gehirn hat Zeit, Bilder und Gefühle zu formen. Dadurch verstehen die Zuhörer, was gesagt wird, und empfinden eher Vertrauen", analysiert der Psychotherapeut Peter Schütz, Geschäftsführer des Österreichischen Trainingszentrums für Neuro-Linguistisches Programmieren. "Wenn jemand hingegen schnell, hoch und hektisch redet und sehr rasch Bilder durchlaufen lässt, können die Leute gefühlsmäßig nicht mitschwingen", erklärt Schütz.

Stimmen sind so vielfältig wie die Stimmungen, die sie vermitteln. Sie können kratzend, rau oder rauchig, singend oder schnarrend, nasal oder voluminös, monoton oder melodisch, platt oder unverwechselbar, fistelig oder gehaucht, schön oder nicht so schön klingen. Zudem kann ein- und dieselbe Stimme auf so verschiedene Arten und Weisen dargebracht werden, dass der Eindruck entsteht, verschiedene Persönlichkeiten seien am Wort. Das Resultat kann nervös machen oder beruhigen, Intimität fördern oder Distanz schaffen, faszinierend, penetrant, durchdringend, einschmeichelnd, anziehend oder abstoßend wirken – je nachdem, in welcher Verfassung sich Sprechende und Zuhörende gerade befinden.

"Jeder Mensch ist wie ein Klavier. Seine Stimme verrät, was er fühlt. Die Schallwellen, die er dabei erzeugt, treffen seine Zuhörer am ganzen Körper und versetzen diesen in Schwingung", erklärt der Wiener Sprech- und Gesangstherapeut Jaan Karl Klasmann. Wer zuhört, kann bewusst oder unbewusst nachempfinden, wie es dem Sprecher geht. Wer sich aufregt, hebt den Ton, wer von einer Sache bewegt ist, intensiviert die Klangfarbe, und wer sich im Brustkorb zurückhält, selbst wenn er nicht verkühlt ist, spricht nicht von Herzen. "Bei Trauer spricht man mit tiefer Tonlage und eher monoton, bei Ärger und Freude ist die Stimme höher und die Sprachmelodie ist abwechslungsreicher. Ein Anzeichen für Angst ist eine hohe, monotone Stimme, die gegen Ende des Satzes noch mal ansteigt", schreibt Michael Kraus von der US-Universität Yale im Fachmagazin "American Psychologist".