Charmante Zeitreise: Vintage-Flair auf den Flohmärkten

in Göteborg. - © Gene Clover
Charmante Zeitreise: Vintage-Flair auf den Flohmärkten
in Göteborg. - © Gene Clover

Als ich eine Frau nach dem Weg frage, sagt sie mir, sie gehe dort aus Prinzip nicht mehr hin. "Dieser Ort ist irre, ich halte das nicht aus." Als ich ankomme und die lange Menschenschlange sehe, ahne ich, was sie gemeint hat. Vor dem Saronkyrkan reiht sich brav ein Querschnitt aus Göteborgs Gesellschaft aneinander – Studenten, gebrechliche Seniorinnen, Kerle mit Jeansjacke und Rauschebart. Innerlich, das sehe ich sofort, haben sie alle schon die Ärmel hochgekrempelt, lauern wie der Jäger auf das Wild.

Donnerstagnachmittag warten hier die besten Schnäppchen, ein offenes Geheimnis, das weiß jeder. Vorfreudig reihe ich mich ein. Man könnte meinen, Hennes & Mauritz präsentieren gleich eine exklusive Kollektion von einem prominenten Designer, aber nein. Wir warten vor einem Secondhand-Laden.

Endlich! Die Türen öffnen sich, hastig drängen die Schweden hinein. Nach dem 250. Besucher wird der Einlass vorläufig gestoppt. Ich schaffe es gerade noch so und bummle die 800 Quadratmeter ab, lasse die Goldgräberstimmung auf mich wirken, während die anderen um mich herum gezielt ihren Beutezug angehen. Die haben Routine, das wird schnell klar.

Man findet so ziemlich alles, was man sucht

Ich streife durch die wohlsortierten Abteilungen. Hier findet man so ziemlich alles, was man sucht. Und erst recht das, was man nicht sucht. Aus der Plattenkiste greife ich Elton Johns Album "Too Low for Zero" – in der spanischen Version. In der Möbelabteilung entdecke ich ein schwedisches Lundby-Puppenhaus mit vollem Interieur für 20 Euro, die schwedische Küchenbank für 50 Euro, einen lindgrünen Ohrensessel für 14 Euro, einen großen Holzbilderrahmen für einen Euro – schade, dass ich nicht mit einem großen Transporter gekommen bin.

So bleibt es bei einem Shotglas für 20 Cent, das ich am Lederband wie eine Kette um den Hals tragen kann. Das gelblich verblichene Verpackungsfoto erklärt mir, dass ich damit auf einer Party gleichzeitig essen und rauchen kann, ohne das Glas abstellen zu müssen.
Saronkyrkan ist ein Secondhand-Kulttempel. Weil sich die extrem günstige Ware schnell verkauft, wechselt das Sortiment wöchentlich, seit 1982 läuft das so. Der regelmäßige Besuch ist für viele Göteborger längst Familientradition.

Auch für Björn Rantil, graues Haar, wacher Blick. Er hat sich im Café in eine Ecke gesetzt und beobachtet das Gewusel. Die Großeltern seiner Frau brachten ihn zum ersten Mal her, erzählt Rantil. An diesem Tag fällt die Beute für ihn eher bescheiden aus: zwei "Pippi Langstrumpf"-Erstausgaben von 1945, dazu "Die 100 schönsten französischen Gedichte". Pippi sei für seine Enkelin, die Gedichte, also, tja … Björn verstummt, lächelt in sich hinein.