Tourismus ist zur Schwerindustrie unserer Zeit geworden, schreibt der italienische Journalist Marco d’Eramo. Doch wie nachhaltig ist diese Industrie eigentlich?

Wer an einem sonnigen Tag über die Pariser Place du Carrousel flaniert, kann sich vor Menschenmengen kaum retten. Tausende Menschen aus aller Herren Länder drängen sich, bewaffnet mit Selfie-Sticks und Rucksäcken, im Innenhof des Louvre, die Warteschlange an der Pyramide ist hundert Meter lang.

Junge Amerikaner cruisen auf Elektrorollern zwischen Touristengruppen und Devotionalienhändlern, die ihre kitschigen Souvenirs auf Tüchern ausgebreitet haben, die Polizeigarde patrouilliert mit Inline-Skatern, um rasch die Verfolgung auf Taschendiebe aufnehmen zu können. 2017 kamen 23,6 Millionen Touristen nach Paris. Ein Zuwachs von 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Am Markusplatz in Venedig, wo täglich bis zu 60.000 Touristen einfallen, am Petersdom, am Buckingham-Palast, am Brandenburger Tor – überall dasselbe Bild. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen.

Aus dem Tourismus ist eine Industrie geworden. 2017 zählte die Weltbank global 1,2 Milliarden Ankünfte von Touristen. Zum Vergleich: 1950 waren es noch etwas über 25 Millionen. War Reisen ehedem ein Privileg der Oberklasse, hat es sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts demokratisiert. Davon profitiert die Wirtschaft. Die Tourismusindustrie macht gut zehn Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts aus, jeder zehnte Job hängt direkt oder indirekt davon ab. Wobei sich bei solchen Tourismus-Statistiken natürlich immer die Frage stellt, wie weit man den Begriff des Tourismus eigentlich fasst – gehört die Geschäftsreise ins Ausland dazu? Der Wochenendausflug in die Berge? Fließt der Umsatz eines Bauunternehmens, das einen Skilift installiert, in die Kalkulation mit ein?

"Tourismus" ist tabu, stattdessen "Erlebnis"

Fakt ist: Reiseveranstalter wie Tui oder Clubmed machen Milliardenumsätze mit Pauschalreisen, Kreuzfahrten und Rundreisen. Das Paradoxon ist nur, dass sie das "Produkt", das sie verkaufen, nicht Tourismus nennen dürfen, sondern "Erlebnis" oder "Urlaub". Touristen in der Fremde will der Kunde so wenig wie möglich sehen. Schon Stendhal zeigte sich bei einem Spaziergang in Florenz genervt über die Reisenden aus Russland und England: "Florenz ist ein Museum voller Ausländer, die ihre eigenen Gepflogenheiten dorthin verpflanzen", ätzte er.