Dottoressa Cesare blickt stirnrunzelnd in den Hals des Kleinen. "Erstaunlich! So rot wie der Krönungsmantel von Rugero!", diagnostiziert die Kinderärztin in Cefalù, dem touristischen Magnet an der Nordküste Siziliens, kunstbeflissen. Nun hat sie kein Auge mehr für den Kinderhals. Im vergangenen Jahr, erzählt sie euphorisch, sei sie eigens nach Wien gereist, um das Gewand in der Schatzkammer zu betrachten. "Wien ist eine tolle Stadt, aber der Mantel hat mir am besten gefallen", schwärmt die Dottoressa. Der Besuch bei der Kinderärztin hat sich – zumindest aus kunsthistorischer Sicht – gelohnt.

Der eingangs erwähnte arabisch-normannische Krönungsmantel, aus roter Seide und reich mit Gold bestickt, zählte zu den bedeutendsten Reichsklein-odien der römisch-deutschen Kaiser und war auch als Zeremonialrobe der Habsburger in Gebrauch. Gefertigt in den Jahren 1133/34 in einer Werkstatt des normannischen Königs Roger II. (1095–1154), unter dem das von dessen Vater Roger I. 1091 nach der Niederschlagung der letzten arabischen Bollwerke gegründete normannische Königreich auf Sizilien seine Hochblüte erlebte, wurde der Mantel von diesem allerdings nicht getragen, fand seine Krönung doch schon im Jahre 1130 statt. Gewiss weiß die Dottoressa darüber Bescheid.

Normannen hinterließen ein reiches Erbe

Sizilien ist berühmt wegen seines mächtigen Vulkans Ätna, bekannt für Sonne, Meer und Strände sowie antike Bauten wie etwa den Tempel in Segesta. Weniger geläufig ist, dass die Normannen, deren Vorfahren in Skandinavien beheimatet waren, insbesondere im Nordwesten in der Gegend um Palermo dem mit 25.000 Quadratkilometern größten Eiland des Mittelmeers mit ihren heute rund fünf Millionen Bewohnern ein reiches Erbe hinterlassen haben.

Die Normannen zerstörten nicht, was sie vorfanden, sondern übernahmen, was ihnen brauchbar erschien und gefiel, sie bauten auf den Fundamenten der Araber auf, deren Vorherrschaft auf Sizilien etwa 250 Jahre währte. So etablierten sie einen muslimisch-arabisch und christlich-byzantinisch geprägten Kunststil, der sich in der Architektur mit dem romanischen Baustil verband, wovon grandiose Bauwerke insbesondere im Nordwesten Siziliens noch heute beredte Zeugen sind. Als die schönsten Beispiele dieser Epoche gelten famose Sakralbauten und Paläste wie der Normannenpalast und der Dom in Palermo, die Abtei und der Dom in Monreale oberhalb von Palermo, die Kathedrale Rogers II. in Cefalù sowie die Lustschlösser La Cuba (von arabisch Qubba: Mausoleum, Kuppel) und La Zisa am westlichen Rand von Palermo.