Die Silhouette von Matera wurde in Jahrtausenden geformt. - © Sascha Rettig
Die Silhouette von Matera wurde in Jahrtausenden geformt. - © Sascha Rettig

Ein paar Schritte von der Neustadt entfernt beginnt die Zeitreise mit einem spektakulären Panorama. Beim Blick über die Dächer von Matera braucht man nicht viel Fantasie sich vorzustellen, im Bethlehem oder Jerusalem um Christi Geburt gelandet zu sein. Tatsächlich war die Stadt in Süditalien, knapp zwei Stunden von Neapel entfernt, schon mehrfach Kulisse für Dreharbeiten. Pier Paolo Pasolini filmte hier "Das 1. Evangelium – Matthäus". Richard Gere schritt als König David im gleichnamigen Bibeldrama über die Felsstufen. Und Mel Gibson schickte unter anderem Jesus für seine "Letzte Passion Christi" mit geschultertem Kreuz durch die engen Gassen und die verschlungenen Wege. Angeblich sollen auch Szenen für den nächsten Bond-Film in den an einem Hügel hochgebauten Stadtvierteln gedreht worden sein. Bei den Vierteln handelt es sich um die sogenannten Sassi, die durch einen Hügel getrennt werden: Auf der einen Seite liegt das Sasso Caveoso, auf der anderen das Sasso Barisano.
In den 1950er Jahren noch galten die Sassi, was auf Italienisch so viel wie Stein bedeutet, wegen der großen Armut und schlechten Lebensbedingungen als "Schande Italiens" – bis sie schließlich evakuiert werden mussten. "Die Höhlen waren feucht, es gab kein fließendes Wasser und Krankheiten grassierten. In den 1940ern lag die Kindersterblichkeitsrate bei über 40 Prozent", berichtet Guide Antonio Manicone bei einem Spaziergang durch Matera. 17.000 Bewohner wurden damals in den 50ern evakuiert. Erst Jahrzehnte später wurde die historische Höhlenstadt langsam wiederentdeckt, weil man die Einzigartigkeit der Stadt erkannte. Seit 1993 zählt sie zum ­Unesco-Weltkulturerbe – was auch am System der Zisternen liegt, die im 17. und 18. Jahrhundert in die bestehende Stadt reingebaut wurden.
Dieses Jahr ist sie sogar eine von zwei europäischen Kulturhauptstädten geworden. Begleitet wird diese Zeit zwar von einem umfangreichen Programm: mit Ausstellungen, Aufführungen, Installationen, Workshops. Eigentlich ist die Stadt aber selbst schon Ereignis genug. Was aus der Ferne noch nach einem dicht aufeinander gestapelten Häuserlabyrinth aussieht, ist in Wirklichkeit eine uralte Höhlensiedlung, deren erste Höhlen bereits in der Frühsteinzeit in den Stein geschlagen wurden. "Matera ist eine der ältesten Siedlungen der Welt", erklärt der italienische Fremdenführer Manicone. Im Zentrum habe man einen Friedhof aus der Bronzezeit entdeckt. Und es wurden Anzeichen gefunden für sieben neolithische Siedlungen von 7000 vor Christus. Die Felsen hier bestehen vor allem aus Kalkstein. "Der ist weich, da konnte man gut graben – einen Wohnraum zu graben, dauerte etwa ein bis zwei Monate", fügt er hinzu, als er die Straße entlang und damit immer auch über die Dächer der darunterliegenden Höhlen läuft. "Man steht immer auf dem Haus von irgendwem." Gebaut wurde dicht an dicht. Meist sind es drei Häuser, die um einen Hof liegen und kleine Nachbarschaftsgemeinschaften bilden.
Während die gesamte Stadt heute rund 60.000 Einwohner hat, leben in den Sassi mittlerweile immerhin wieder etwa 3000. Nach der Räumung vor Jahrzehnten ist das Leben zurück. Noch immer kann man dort zwar Höhlen sehen, die wildromantisch vor sich hin verfallen. Doch ein Großteil wurde wieder hergerichtet, noch immer wird renoviert. Dabei ist es nicht so einfach, in den Höhlenwohnungen zu wohnen. Das eigene Haus lässt sich schließlich in der Regel nicht mit dem Auto erreichen. Fast alles muss man in den Gassen und über zahllose Stufen zu Fuß erledigen. Über die schwierigen Lebensbedingungen erfährt man bei der Tour einiges, genauso wie über das ausgeklügelten Zisternensystem und die sehr wechselhafte Geschichte: von den Blütenzeiten als wohlhabende Handelsstadt bis zu den slumähnlichen Verhältnissen. Guide Antonio ist auch in Matera aufgewachsen – allerdings in der Neustadt. Der 35-Jährige selber erinnert sich noch, wie er früher zwischen den Ruinen der Sassi verstecken spielte. Seine Großmütter sind sogar beide in den Sassi aufgewachsen. "In guten Häusern, da unten", sagt er. Die beiden hätten durchaus nostalgische Erinnerungen an die damalige Zeit, aber nicht jeder, der einst hier lebte, wolle zurück und die Stadt jetzt wiedersehen.
Auch wenn man selber durch Matera schlendert, bekommt man natürlich einen guten Eindruck vom Alltag in der musealen Stadt und entdeckt ­Cafés, Restaurants und kleine Museen zur Geschichte. Dabei kann man auch einen Blick in eines der Höhlenhotels wie das spektakuläre "Sextantio" werfen, das sich über 18 ehemalige Sassi-Häuser ausbreitet. "Fünf Jahre lang haben die Arbeiten an den Höhlen bis zur Eröffnung 2009 gedauert – es wurde sehr konservativ restauriert", berichtet Emilia vom Hotel "Sextantio". Die alten Eisenschlüssel sind riesig, die die Zimmer öffnen. Große Fenster darf man darin nicht erwarten. Dafür aber sind die Wände hoch, teils bis zu sieben Meter. Außerdem gibt es kein Plastik, keinen Fernseher und moderne Einrichtung, dafür aber Internet, ein schickes Bad mit Wanne, Waschbecken und Möbeln aus einer anderen Zeit. "Alles sind Fundstücke, alt, aber aufgearbeitet und renoviert", sagt Emilia. Anders als andere Sassi-Hotels setzt man so nicht auf modernisierte Eleganz, sondern auf den Charme des Authentischen und der Patina. Der Frühstücksraum war im 13. Jahrhundert mal eine Felskirche und Teil eines Benediktiner-Klosters, bis eine Wohnhöhle daraus wurde. Bis 1960 habe eine Familie hier mit ihren Tieren hier gelebt.
"156 Kirchen gibt es in den Sassi insgesamt", sagt Antonio. Zudem entdeckt man bei einer Wanderung durch die angrenzende Landschaft des angrenzenden Parco della Murgia weitere Felskirchen. Blickfang in der Altstadt Materas ist die wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert stammende Santa Maria dell’ Idris, die in einen riesigen Felsen gebaut wurde. Kleiner und versteckter, aber ebenfalls sehr sehenswert ist auch Santa Lucia alle Malve: In den Stein gegraben vermutlich im 9. Jahrhundert, bis ins 16. Jahrhundert ein Benediktinerkloster und dann bis in die 1960er als Wohnraum genutzt. Schließlich wurde die Kirche wieder zur Kirche und mitsamt den sehr gut erhaltenen Fresken restauriert.
Nach einem Lunch im "Caveoso", einem der Höhlenrestaurants, fängt an zu regnen und steingraue Wolken hängen tief über den Sassi. Matera hat zwar im Regen einen ganz eigenen Charme. Doch es kommt einem schnell auch wieder das Video in Erinnerung, das Antonio ein paar Tage zuvor aufgenommen hatte und in dem das Regenwasser für einen Sturzbach sorgte. Während das Wasser nun eilig die Stufen herunterfließt, ist es also vielleicht besser, schnell den Berg hoch zu fliehen. Zurück in die Neustadt. Zurück in die Jetzt-Zeit.