Wo im 19. Jahrhundert die Arbeiterschaft in den Ziegelgruben ausgebeutet wurde, erstreckt sich die wohl absurdeste Parkfläche Wiens. Ursprünglich war der Laaer Berg kahl. Der heutige Wald wurde auf den äußerst trockenen Schotterböden aufwendig aufgeforstet. Immer wieder starben große Teile ab. Doch die Stadtregierung gab nicht auf. Jahrzehntelang bemühte sie sich um das Wäldchen und zerstörte in ihrem Übermut die einst einzigartige Trockenvegetation des 251 Meter hohen Hügels. Wie auch immer. Es spaziert sich ganz hervorragend im künstlichen Forst. Er schmiegt sich um künstliche Teiche. Denn nachdem die Ziegelwerke schlossen, füllten sich die Abbaugruben mit Grundwasser. Vor allem der Butterteich ist ein Idyll. Ganze Entenfamilien schieben sich arrogant über die Wasseroberfläche - an schattenspendenden Eichen, Eschen und dem Schilfgürtel vorbei. Ein Genuss. Das Naturschauspiel wird einzig von Kindergeplärr und Happy-Techno getrübt. Er weht vom Böhmischen Prater herüber.

Wer den Böhmischen Prater nicht kennt, kennt Wien nicht. Am nördlichen Ende des Laaer Bergs liegt der klitzekleine Bruder des Wurstelpraters. Eine Handvoll Schaubuden und Fahrgeschäfte im Wald. Es riecht nach Zuckerwatte und den feuchten Blütenständen der Bäume. Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich um die Werkskantine der Wiener Ziegelwerke Schaustellerfamilien an. Sie stammten, wie die Fabriksarbeiter selbst, oft aus Böhmen und Mähren und gaben dem Vergnügungspark seinen Namen. Sogar ein Riesenrad gibt es hier. Mit seinen 20 Metern Durchmesser wirkt es wie die Minimundus-Version des Wiener Wahrzeichens. Doch auf die Größe kommt es hier nicht an.

In Wahrheit steht der Böhmische Prater dem Wiener Prater um nichts nach. Ganz im Gegenteil. Sein Fluidum ist einzigartig. Es speist sich aus einer grotesken Mischung aus Arbeiterromatik, Beisldunst, Kindertraum, Waldstimmung und Mitleid. Der Böhmische Prater ruft Melancholie und Glückseligkeit gleichermaßen hervor. Nach der Achterbahnfahrt der Gefühle kann man sich im Gasthof zum Werkelmann mit Spritzer und Heurigenjause stärken – mit Blick auf Simmering. Was will man mehr?

Vielleicht baden? Wien ist die Hauptstadt gepflegter Badekultur, obwohl, oder gerade weil die Donau aus dem Stadtzentrum verbannt wurde. Der viel besungene Strom streift die Stadt nur am Rande. Denn er wurde gebändigt. Sein verzweigtes Astsystem wurde ab 1870 verstümmelt, verschüttet, abgezwickt. Das ist zwar schade, brachte der Stadt jedoch zwei wesentliche Dinge: Die "Insel" und die "Alte Donau".

So einen Sommertag kann man wundervoll bei einer Runde Minigolf im Postzentrum Hernals ausklingen lassen. - © Tatjana Sternisa
So einen Sommertag kann man wundervoll bei einer Runde Minigolf im Postzentrum Hernals ausklingen lassen. - © Tatjana Sternisa

Beide sind für heiße Sommer essentiell. Ganz Wien pilgert ins Gänsehäufel, ins Arbeiterstrandbad, ins Eisenbahnerstrandbad, ins Angelibad, auf die Lager- und Romawiese an der Alten Donau. Das 1,6 Quadratkilometer große Binnengewässer nordöstlich des Hauptstroms ist die Adria Wiens. Wer hier noch den Hausmeisterstränden Oberitaliens nachweint, dem ist nicht mehr zu helfen. Schnitzelsemmel, Bier, Wein, Eis am Stiel, den grantigen Nachbarn gibt es da und dort. Lästigen Sandstrand, Quallen und Stau nur in Italien. Zur Alten Donau fährt die U1. Den besten Überblick verschafft man sich per Tret- oder Elektrobot. Doch je länger der Sommer, desto wärmer das Wasser. So wie die Adria, heizt sich die Alte Donau im Lauf der Saison zur Badewanne auf. Spätestens ab August heißt es wechseln – auf die Donauinsel.