Eigentlich ist das Gebiet ja ein Teil des ehemaligen Ostpreußen, das als Ermland-Masuren bekannt war. Der preußische Adel wusste jedenfalls, wo es schön war, und baute sich gewaltige Herrenhäuser in seine noch gewaltigeren Ländereien. Dort scheint die Zeit vielfach still zu stehen, viele der früheren Prunkbauten sind heute morbide Ruinen und von der Natur zurückerobert. Rundum wird oft immer noch mit Pferdepflug und Sense das Land bestellt, mit Störchen am Dach und Gänsen im Löschteich. Kornblumen wiegen sich in Mohnfeldern, in weichen Hügellandschaften inmitten dunkler Erlenwälder voller Heidelbeeren, die an den Straßen kübelweise angeboten werden. Eine ländliche Idylle.
"Die genauen Grenzen der Masuren sind Geschmackssache", sagt Pjotr, der am Krutynia-Flüsschen Kanus vermietet. "Jedenfalls irgendwo im Sechseck Elk (Lyck), Pisz (Johannisburg), Mragowo (Sensburg), Ketrzyn (Rastenburg), Wegorzewo (Angerburg) und Mikolajki (Nikolaiken)". Den Namen Masuren selbst gibt es seit dem 18. Jahrhundert, als sich tausende evangelische Zuwanderer aus dem südlich gelegenen Masowien in Ostpreußen ansiedelten. Masowier heißt eigentlich Mensch, und davon gibt es mehr als man meinen möchte, in kleinen Weilern mit sumpfig grünen Wiesen zwischen den torfigen Nadelwäldern Nordpolens, wo sich Elche und Luchse, Wisente und Schwarzstörche recht ungestört gute Nacht sagen können, wenn die Mücken nicht stören.
Masuren gilt nicht zu Unrecht als grüne Lunge Europas, mit endlosen Kiefern, Heiden und rund 3500 Seen – diese bilden 15 Prozent der Fläche Polens, sind oft durch Flüsse und jahrhundertealte Kanalsysteme miteinander verbunden und bilden Überbleibsel der letzten Eiszeiten. Diese haben auch die hügelige Moränenlandschaft des Baltischen Höhenrückens hinterlassen, die mit der Dylewska Gora (Kerndorfer Höhe) auf knapp über 300 Meter ansteigt. Dass die Schauspielerin Ingrid van Bergen, eine der bekanntesten Töchter der Masuren, gerade so heißt und nicht anders, wirkt fast skurril.
Noch 1910 gab mehr als die Hälfte der rund 450.000 Einwohner Deutsch als Muttersprache an, was spätestens mit Ende des Zweiten Weltkriegs Geschichte war. Der Südteil der Masuren ging an Polen, der Nordteil an Russland. Auch die Ortsnamen wurden polonisiert, wobei großteils wieder auf die alten preußischen Namen zurückgegriffen wurde.
Nicht nur die Preußen sind jedenfalls wieder da, gehen einkaufen zu Lidl in Lötzen (Gizycko), der masurischen "Sommerhauptstadt", und buchen Segelyachten und Hausboote längst auch online, bequem von daheim. "Eine Woche ist das Minimum, da kommt ihr fast überall hin", sagt Wojciech, Kassier an einer der halbschwimmenden Stacja Benzynowas (Tankstellen) hier. Motorbootführerschein braucht in den Masuren keiner, auch für luxuriöse Zehn-Meter-Kähne genügt eine kurze Demo-Fahrt, wem das reicht. Und dann kann‘s losgehen, nicht selten bei Wind und Wellen und vielen Knoten, die so manche Landratten überfordern. Viele sind mit Motor(haus)boot unterwegs, noch mehr mit Segelboot und nur ein paar mit Wasserski, gemeinsam mit Kormoranen und Silberreihern, in Schilfkanälen oder entlang der Linienschifffahrtsroute durch die wässrigen Weiten – allein das Mauerseerevier ist 25 Kilometer lang, mit 30 Inseln, die meisten davon Naturschutzgebiete. Da kommt man sich nur an heißen Sommerwochenenden bisweilen in die Quere.
Keine Städte, keine Industrie, nur ein paar verwinkelte Landstraßen durch Haferfelder, oft in tunnelartigen Alleen, wo sich auch knallgrüne Polski-Fiats kaum abheben. Eines der letzten der nicht allzu schwer zugänglichen großen Naturparadiese Europas ist jedenfalls kein Geheimtipp mehr, auch wenn die ersten versprengten Touristen schon vor 140 Jahren gesichtet wurden. Rad und Hausboot, Kajak und Segeln sind seit Jahren gut im Geschäft, und im Winter entdecken immer mehr Eissegler und Snowkiter die oft monatelang zugefrorenen Seen. Nur ein kleiner Teil der Masuren steht seit 1977 unter Schutz – der masurische Landschaftspark (Mazurski Park Krajobrazowy) am Spirdingsee, mit 114 Quadratkilometern oft als "masurisches Meer" bezeichnet. Überall sonst fürchtet man bei zu vielen Regulierungen um den Tourismus, für etliche der früheren Fischersleute und Bauernfamilien längst die Haupteinnahmequelle.
Nicht wenige stehen an den Straßen und verkaufen Eierschwammerl und Beeren. Andere produzieren Bigos, ein Eintopf aus Sauerkraut und Wurst, oder Pirogi, gefüllte Teigtaschen. Ein paar verdienen sich ihr Abendbrot mit Shantys, Seemannsliedern, die zu jedem Folk-Festival und masurischem Heimatabend dazugehören wie Piwo (Bier), Chleb (Brot) und Kielbasa (Wurst). An den dutzenden größeren Anlegestellen in der Sommer-Hochsaison wird es oft schon recht eng, obwohl immer wieder neue Marinas dazukommen. Viele davon haben auch tragische Geschichte: Stynort (Steinort) etwa, der verfallene Sitz der Familie von Lehndorff, einer der einflussreichsten ostpreußischen Adelsfamilien – die meisten Familienmitglieder wurden nach dem misslungenen Attentat auf Hitler auf der Wolfschanze, einem der Führerhauptquartiere der Deutschen Wehrmacht in der Nähe von Rastenburg, hingerichtet. Das Gelände dort, etwa 40 Autominuten entfernt, ist mittlerweile ein makabres Ausflugzentrum, mit Schießhallen und fakultativen Panzerfahrten entlang verwachsener Ruinen.
Wer die Seenwelt von höher oben sehen will, muss sein Boot an der Bunkeranlage Mauerwald am Masurischen Kanal festmachen, mit 30 moosverwachsenen Stahlbetonbunkern mitten drin im schlammigen Dickicht. Im Souvenirshop unter einem neuen Aussichtssturm gibt es Reichsflugscheiben und Kindergasmasken im Abverkauf, wer skurrilen Mitbringseln etwas abgewinnen kann.
Bis zur Ostsee wäre es gar nicht mehr weit, gerade 200 Kilometer – vorbei an gewaltigen Ordensritterburgen wie Malbork (Marienburg), Gdansk (Danzig) und anderen Hansestädten bis hin zu den Dünenlandschaften rund um Leba. Die polnische Riviera lockt Salzwasserratten über hunderte Kilometer bis Kolberg und Swinemunde an der deutschen Grenze, mit Kaiserbädern und Strandkörben, die auf polnischer Seite durch bunte Plankenzäune für windgeschütztes Kuscheln ersetzt sind. In Nordpolen liegen Sie jedenfalls immer richtig, auch wenn richtig anlegen vor Schleusenschranken ein wenig dauern kann. Willkommen, Witamy w Mazury!