1957 verkörperte Horst Buchholz den Hochstapler Felix Krull. - © Friedrich/Interfoto/Picturedesk
1957 verkörperte Horst Buchholz den Hochstapler Felix Krull. - © Friedrich/Interfoto/Picturedesk

Fitznow weiß sich gefällig zu benehmen: Tadellos sein Auftreten, elegant seine Kleidung, frappant die Ähnlichkeit mit Douglas Fairbanks, dessen unwiderstehliches Filmstar-Lächeln er gekonnt imitiert. Wiewohl selbst nicht von Adel, ist Fitznow doch "der Enkel einer badischen Prinzessin und der Neffe zweier alter Exzellenzen", was er zuweilen wie nebenbei kundtut.

Der fesche Fitznow hat seinen Auftritt im Roman "Feine Leute oder Die Großen dieser Erde", den Kasimir Edschmid 1931 im Wiener Zsolnay-Verlag veröffentlicht hat. Grand Hotels waren damals ein sehr beliebter Romanschauplatz, also porträtierte auch der seinerzeit viel gelesene Romancier Edschmid eine internationale Schickeria, die sich in den exklusiven Hotels am Lido von Venedig zusammenfindet, um sehr viel Geld auszugeben. Dass Italien von den Faschisten beherrscht wird, stört die Privilegierten nicht. Ganz im Gegenteil: In einem Kapitel des Romans finden sie durchaus Gefallen am stilsicheren Auftreten der Machthaber.
In diesem Ensemble ist Fitznow allerdings eine arme Randfigur. Er verfügt nur über eine "kleine Offizierspension", die ihm aus dem Ersten Weltkrieg geblieben ist. Also nächtigt er in einer Billigstabsteige und nährt sich meist von Butterbroten. Trotzdem ist sein wahres Triebziel nicht der Wohlstand, sondern der mondäne Glanz. Täglich schleicht er durch den Dienstboteneingang in die Lobby des Luxushotels, wo er mit raffinierter Verstellungskunst den wohlhabenden Herrn aus guter Familie markiert. Welche Tricks und Camouflagen er dabei einsetzt – das schildert Edschmid mit großer Einfühlungsgabe.

Szene aus Balzacs "Verlorene Illusionen" in einem zeitgenössischen Stich. - © Adrien Moreau
Szene aus Balzacs "Verlorene Illusionen" in einem zeitgenössischen Stich. - © Adrien Moreau

Die interessante Figur des Hochstaplers Fitznow steht in einer langen Reihe vergleichbarer Gestalten. Schon in den französischen Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts waren die Pariser Salons Jagdgründe für ehrgeizige Aufsteiger, die mit Charme, Talent und Härte einen Platz in der besseren Gesellschaft zu erobern suchten. Im Hauptberuf meist Dichter oder Journalisten, machten sie gerne Gebrauch von diversen Künsten der Hochstapelei. Lucien Chardon zum Beispiel nannte sich selbst "de Rubempré", um eine adelige Herkunft vorzutäuschen. Honoré de Balzac, dessen eigener Adelstitel übrigens auch nicht über jeden Zweifel erhaben war, porträtierte Lucien im dreibändigen Roman "Verlorene Illusionen" (1837 bis 1844). Vierzig Jahre später brach der Heirats- und Gefühlsschwindler Georges Duroy die Herzen reicher und einflussreicher Frauen in Guy de Maupassants Roman "Bel Ami". Der plumpe Hochstapler agiert als Erpresser, der elegante betört als Verführer.