Verlust der Sicherheiten

Was im 19. Jahrhundert begann, setzte sich im 20. fort. Vor allem die Literatur der Zwischenkriegszeit ist voll von zwielichtigen Herren und gelegentlich auch Damen, die auf krummen Touren zu Geld, Macht und Einfluss kommen wollen. In ihrem Buch "Österreichische Literatur zwischen den Kriegen" (Sonderzahl Wien 2012) hat Evelyne Polt-Heinzl den Hochstapler als "Zeitfigur" beschrieben und als Krisenphänomen gedeutet: "Wenn Gesellschaften sich überhastet umwälzen, schleichend oder auch über Nacht tradierte ökonomische wie mentale Sicherheiten wegbrechen oder doch relativ werden, schlägt die große Stunde des Hochstaplers, der vom Wegfall einigermaßen nachprüfbarer Kriterien zur Einschätzung sozialen und ökonomischen Handelns profitiert."
Die Literaturwissenschafterin unterscheidet dabei zwei Typen: Der eine will hochkommen und tilgt zu diesem Zweck alle Spuren seiner bescheidenen Herkunft. Ihm begegnet man in den genannten Romanen des 19. Jahrhunderts, aber auch in der 1930 erschienenen "Hochstaplernovelle" von Robert Neumann, die 2011 in der Wiener "Edition Atelier" neu aufgelegt wurde. Neumann zeigt hier einen jungen Mann kleinbürgerlicher Herkunft bei der Arbeit, der über gutes Aussehen und perfekt einstudierte Manieren verfügt. Sein Geld verdient er durch Falschspiel und Erpressung. Die Schlusspointe der witzigen Novelle besteht darin, dass der Hochstapler einen professionellen Fehler macht: Er verliebt sich. Candida, die Gattin des rumänischen Fürsten Balearu, verwirrt ihm die Sinne. So entgeht ihm, dass sie und ihr angeblich fürstlicher Gemahl ebenfalls Erpresser sind, die es auf ihn als Opfer abgesehen haben. Man einigt sich schließlich gütlich – sozusagen unter Kollegen.

Nach der großen Erschütterung des Ersten Weltkriegs schlägt allerdings auch die Stunde jenes anderen Hochstapler-Typus: Er verfügt durchaus über einen ansehnlichen gesellschaftlichen Hintergrund, muss aber verbergen, dass er verarmt oder verkommen ist. Er ist also ein Absteiger, während sein Widerpart ein Aufsteiger ist. Diesem Muster entspricht der eingangs vorgestellte Fitznow.

Das auffällig häufige Auftreten von Hochstaplern in Romanen und Novellen erklärt Polt-Heinzl mit der Beobachtung: "Prinzipiell ist der Hochstapler für die Literatur eine interessante Figur, denn er lebt von der ‚Erzählung". Das ist gewiss richtig beobachtet, denn die Hochstaplerkunst besteht ja vor allem darin, der Mitwelt etwas einzureden, was den Tatsachen nicht entspricht, aber trotzdem (oder gerade deshalb!) überzeugt oder fasziniert. Es liegt nahe, den Hochstapler als einen Meister der "message control" zu bezeichnen. Das hat er aber nicht nur mit einigen gegenwärtigen Politikern, sondern auch mit vielen Schriftstellern gemeinsam. Über Polt-Heinzl hinaus ist nämlich zu bemerken, dass der Hochstapler nicht nur für "die Literatur" interessant ist, sondern auch für die Urheber derselben.