Der Autor als Komplize

Viele Autoren, die sich mit dem Thema "Hochstaplerei" beschäftigten, verspürten selbst gewisse Neigungen in diese Richtung. Kasimir Edschmid, der von Haus aus den Allerweltsnamen Eduard Schmid trug, beteiligte sich in den zwanziger Jahren recht begabt an den narzisstischen Spielen der mondänen Gesellschaft. Als "Don Eduardo Schmidos" wurde er dafür in Robert Neumanns satirischem Parodienbuch "Mit fremden Federn" verspottet.
Walter Serner, der 1927 ein "Handbrevier für Hochstapler" veröffentlichte, gab diesem Pseudo-Ratgeberbuch zwar eine zynische Note, hielt sich aber in seiner öffentlichen Selbstdarstellung durchaus an seine Ratschläge zur gewissenlosen Selbstvermarktung.
War Walter Serner ein exzentrischer Snob, so war Thomas Mann ein seriöser Bürger. Und doch sagt sein Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" schon im Titel, wer hier vorgestellt wird. Mit keinem anderen Buch hat sich Mann so lange abgegeben wie mit diesem: 1910 machte er erste Entwürfe, die endgültige Fassung erschien 1954, ein Jahr vor dem Tod des Autors. Hätte er länger gelebt, wäre möglicherweise noch ein zweiter Band mit Hochstapler-Bekenntnissen erschienen, denn der erste bricht mitten im Geschehen ab.

Diese anhaltende Beschäftigung deutet auf eine tief gehende Identifikation hin, die Thomas Mann auch gar nicht bestritten hat. Wenn Krull etwa in Lissabon eine junge Dame aus ehrbarer Familie und zugleich auch deren sittenstrenge Mutter verführt, dann hat er den Segen seines Erfinders. Dass Krull diesen erotischen Doppelsieg in der Maske eines Marquis von Venosta errungen hat, findet ebenfalls Thomas Manns Zustimmung.
Wie auch nicht? Schließlich hat er selbst sich ebenso in eine Rolle begeben. Für aufmerksame Leser durchaus bemerkbar, feiert er eine heimliche Komplizenschaft zwischen sich, dem Künstler, und dem hübschen kleinen Hochstapler, dem die Herzen aller Frauen und mancher Männer zufliegen.

Im tatsächlichen Leben wäre der Nobelpreisträger gewiss nicht zu den Streichen imstande gewesen, die er seinem Helden andichtete. Indem er dessen Bekenntnisse jedoch in Ich-Form schrieb, konnte er – als Krull verkleidet – eigene, verborgene Wünsche artikulieren. Auch das ist eine Spielart der Hochstapelei, wiewohl eine harmlose, die niemanden schädigt.

Und so zeigt sich hier wie in anderen Fällen, dass die beste Literatur zum Thema von Autoren stammt, denen die Lust am anmaßenden Rollenspiel und an stilvollen Betrügereien nicht ganz fremd ist.