Der Inbegriff des Hochstaplers: In "Catch Me If You Can" spielt Leonardo Di Caprio den falschen Piloten Frank Abagnale. - © Dreamworks / Picturedesk
Der Inbegriff des Hochstaplers: In "Catch Me If You Can" spielt Leonardo Di Caprio den falschen Piloten Frank Abagnale. - © Dreamworks / Picturedesk

An jedem Verhandlungstag trug sie ein anderes Kleid. Zunächst erschien Anna "jungfräulich weiß", wie auf der Modeseite der "New York Times" festgehalten wurde, "langärmelig mit V-Ausschnitt" und einem "süßen, durchscheinenden Überkleid". Das war sozusagen die Phase der Unschuld. Manche der späteren Kleider, die Tag für Tag im Gefängnis ein professioneller Modeberater für sie ausgesucht hatte, hätten eher "zur Erstkommunion gepasst als in den Gerichtssaal", merkte die Moderedakteurin der "Times" skeptisch an. Nur gegen Schluss, als der Schuldspruch schon absehbar war, wechselte die Angeklagte zu knappen schwarzen Kleidern, was die "New York Times" zu der Frage veranlasste, ob sich die Sorokin schon mit der Niederlage in dem Prozess abgefunden habe.

Demnächst wird das erste Buch über sie erscheinen, verfasst von Rachel Williams, früher einmal Redakteurin der exklusiven Zeitschrift "Vanity Fair". Es trägt den pompösen Titel: "My Friend Anna: The True Story of the Fake Heiress Who Conned Me and Half of New York." (Eine deutsche Ausgabe ist für August angekündigt.) Der Verlag wirbt für das Buch mit dem Slogan: "Sex and the City trifft Catch Me If You Can" und bezieht sich damit auf den legendären Hochstapler Frank William Abagnale, dessen Leben Steven Spielberg mit Leonardo Di Caprio in der Hauptrolle im Jahr 2002 verfilmt hatte.

Anna Sorokin erscheint vor Gericht - © Richard Drew / Picturedesk
Anna Sorokin erscheint vor Gericht - © Richard Drew / Picturedesk

Doch zurück zu Anna Sorokin. Ihre einstige Freundin Rachel Williams schildert in ihrem Buch eine Reise nach Marokko, die sie gemeinsam unternahmen. Die beiden, die damals enge Freundinnen waren, wohnten in Luxus-Hotels, gaben teure Partys und waren in Privatjets unterwegs. Nur immer als es ums Bezahlen ging, so Williams, hatte die liebe Anna, die Millionärstochter aus Deutschland, dummerweise gerade ein Problem mit der Kreditkarte oder mit deutschen Bankfeiertagen. Was lag näher, als ein wenig Geld vorzuschießen? Beim Gerichtsprozess im Mai dieses Jahres verbuchte Williams schließlich einen Ausstand von 62.000 Dollar, etwas mehr als ein Viertel der Schadenssumme, für die sich Anna Sorokin verantworten musste.

Sorokin ist gebürtige Russin und kam im Jahr 1991 in einem Vorort von Moskau auf die Welt. Ihr Vater war ein Lastwagenfahrer, der sich hochgearbeitet hatte und später eine eigene Firma auf die Beine stellte. Im Jahr 2007 übersiedelte die Familie nach Deutschland, wo Anna dann das Liebfrauengymnasium in der Kleinstadt Eschweiler besuchte. Später wechselte sie nach London und Paris und betrat dort als Praktikantin beim Mode- und Kulturmagazin "Purple" dann endlich die Welt von Glanz und Luxus, nach der sie sich offenbar schon immer gesehnt hatte.
In jener Zeit entstand die Kunstfigur Anna Delvey, die in Deutschland aufgewachsene Tochter eines Millionärs, als die die Sorokin später auftreten sollte. Sie übersiedelte in die USA und lebte knapp zwei Jahre lang unter den Reichen und Schönen in Manhattan. Als sie im Herbst des Jahres 2017 verhaftet wurde, war eine beträchtliche Liste von Vorwürfen zusammengekommen, vor allem Betrug und Diebstahl mit einer Schadenssumme von ungefähr 200.000 Dollar. Im Mai 2019 wurde sie vor dem Supreme Court in Lower Manhattan schuldig gesprochen und zu einer Haftstrafe von vier bis zwölf Jahren verurteilt. Was praktisch bedeutet, dass sie zumindest die nächsten vier Jahre im Gefängnis verbringen muss.

Meister des Habitus

So weit, so einfach könnte man sagen. Zwei Jahre Luxusleben und dafür zumindest vier Jahre Gefängnis. Aber kaum jemand kann die Abenteuer einer Hochstaplerin so nüchtern sehen. Da gibt es eine merkwürdige Faszination, vielleicht eine gewisse Bewunderung für den Mut und die Nervenstärke, die zu einem solchen Abenteuer gehören. Für die schauspielerische Raffinesse. Hat sich Sorokin nicht einfach mit einem beträchtlichen Maß an Schlauheit und Willenskraft etwas geholt, wovon viele andere träumen? Vielleicht packt so manchen der Neid, der viele Stunden im Büro absitzt, ohne jemals in die Nähe eines solchen Lebensstils zu kommen?

Für den Fall, dass an dieser Stelle jemand mit dem Gedanken spielt, sich auf so ein Abenteuer einzulassen, ein paar grundlegende Informationen. Manche leiten den deutschen Begriff Hochstapler, vom Wort "Stabulus" ab, einem Wort aus dem einfachen Scholaren-Latein der frühen Neuzeit, mit dem etwas hochtrabend ein Bettelstab bezeichnet wurde. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm aus dem Jahr 1877 wird der Hochstapler definiert als "gauner, der vornehm bettelt." 1910 schrieb der deutsche Staatsanwalt und Kriminologe Erich Wulffen: "Die ‚geistige Elite‘ nicht nur der Betrüger, sondern der Verbrecher überhaupt, sind die Hochstapler."
Moderne Hochstapler finden in den Arbeiten des französischen Soziologen Pierre Felix Bourdieu (1930 – 2002) einen wunderbaren Einstieg in ihre Profession. Jenseits von traditionellen Klassentheorien studierte Bourdieu nämlich die sozialen Positionen, die Menschen in modernen Gesellschaften einnehmen, Gesellschaften, die längst nicht mehr so einfach und klar strukturiert sind wie in früheren Jahrhunderten. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Kapital, über das der jeweilige Akteur verfügt, wobei Bourdieu zwischen vier Arten von Kapital entscheidet: ökonomischem Kapital, also materiellem Reichtum, kulturellem Kapital, das auf Bildung oder speziellen Fertigkeiten beruht, sozialem Kapital, das aus Netzwerken und Beziehungen besteht und schließlich symbolischen Kapital, so etwas wie Prestige oder Renomee.

Bourdieu hat vor allem die vielfältigen Mechanismen studiert, mit denen moderne Gesellschaften den Akteuren anhand des Kapitals, von dem er (oder sie) mehr oder weniger verfügt, eine entsprechende soziale Position zuweisen. Entscheidend ist dafür ein Element, das Bourdieu den "Habitus" nennt, ein komplexes System von Verhaltensweisen, anhand derer sich die Angehörigen verschiedener sozialer Positionen gegenseitig erkennen. Die Kunst des Hochstaplers besteht darin, mit diesem Habitus souverän und glaubwürdig zu spielen. Nur wenn das gelingt, kann er zumindest für eine Weile erfolgreich einen Status vorspielen, über den er nicht verfügt. Dabei geht es um subtile Details, Körperhaltung, Kleidung,

Essgewohnheiten, Scherze, Themen für den Small Talk und viele andere Verhaltensweisen, in denen sich soziale Milieus unterscheiden. Wie brillant das Auftreten der Sorokin gewesen sein muss, zeigte auch das anhaltende Medieninteresse an den Details ihrer Auftritte im Gerichtssaal.
Ein Meister in der Kunst, mit einem Habitus zu spielen, wenn auch auf anderem Terrain, war übrigens der Deutsche Gert Postel. Der gelernte Briefträger, mittlerweile 61 Jahre alt, wurde 1982 unter dem Namen Dr. Dr. Clemens Bartholdy mit zwei fiktiven Doktortiteln aus Medizin und Psychologie zum leitenden Amtsarzt der Stadt Flensburg bestellt. Dabei musste er sich unter vierzig Bewerbern durchsetzen, die allesamt tatsächlich Ärzte waren, eine wahre Meisterleistung auf dem Gebiet der Hochstapelei. Er verstand es, ärztliche Kompetenz glaubwürdiger zu spielen als alle anderen Mitbewerber, kam in die engere Auswahl und setzte sich gegen acht andere Mitbewerber in einem abschließenden Hearing durch. In einem Interview erzählte er später, wie sehr er diese Szene genoss: "Dann fragte mich zum Schluss der Vorsitzende der Kommission, über was ich promoviert hätte, und dann hab ich wieder etwas gesagt, was so schön war: ‚Über kognitiv induzierte Verzerrung mit einer stereotypen Urteilsbildung‘ – das ist eine Aneinanderreihung leerer Begriffe und der antwortete dann nur: ‚Ach, Sie werden sich bestimmt bei uns wohlfühlen‘."

Glänzende Karriere

In der Folgezeit war der Briefträger Postel auf dem Fachgebiet der Psychiatrie eine Koriphäe, ein Phänomen, dass die Branche noch lange beschäftigen sollte. "Ich war Weiterbildungsbeauftragter der Ärztekammer", erzählte er, "und ich habe Krankheitsbegriffe eingeführt, die es überhaupt nicht gibt. Vor Psychiatern! Die ‚bipolare Depression dritten Grades‘. Keiner da traut sich, eine Frage zu stellen."

Natürlich könnte an dieser Stelle ein moralisch sattelfester Mensch mit erhobenem Zeigefinger einwerfen: Aber diese Leute nehmen doch alle ein schlechtes Ende! Das kann doch gar nicht gut ausgehen!

Die bittere Erkenntnis für den Moralisten besteht allerdings darin, dass sein Einwand nicht zutrifft. Schon Marquis de Sade hatte sich in seinen philosophischen Texten über die These lustig gemacht, dass sich das Gute im wirklichen Leben bezahlt mache. In Wirklichkeit verhalte es sich genau umgekehrt, hatte er in seinen Büchern immer wieder dargelegt und in gewisser Weise gibt ihm die Geschichte der Hochstapler recht. Sie scheinen allzu gut in eine Gesellschaft zu passen, die sich nach wunderbaren Aufstiegsgeschichten sehnt. Anna Sorokin sitzt vorerst zwar im Gefängnis, verhandelt aber bereits mit Netflix über eine Verfilmung ihrer Abenteuer, mit der sie wahrscheinlich mehr Geld verdienen wird, als sie mit ihren Betrügereien umgesetzt hat. Der psychiatrisch renommierte Briefträger Gert Postel ist heute noch ein gern gesehener Vortragsredner und Frank Abagnale, der Altmeister der Hochstapler-Branche, hat dank seiner kriminellen Vergangenheit glänzende Karriere gemacht.

Zur Erinnerung: Abagnale, Jahrgang 1948, baute sich ab dem Jahr 1964 in New York als Scheckbetrüger ein fiktives Leben auf, das ihn zwischenzeitig zur meistgesuchtesten Person der USA machte. Er spielte später unter dem Namen Frank Williams die Rolle eines Piloten der Fluggesellschaft Pan Am, der zu jener Zeit größten der USA. Dabei nützte er vor allem die Gepflogenheit der Dead-Head-Flüge aus, mit der damals Besatzungen kostenlos zu verschiedenen Flughäfen gebracht wurden, um dort ihren Dienst anzutreten. Auf diese Art trat er in allen Bundesstaaten der USA auf, zwischendurch auch als Arzt und Rechtsanwalt, und brachte es im Laufe der Jahre auf die Rekordschadenssumme von 2,5 Millionen US-Dollar. 1969 wurde er in Frankreich verhaftet und in den USA zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Fünf Jahre später kam er jedoch bereits frei, weil ihn das FBI als Sachverständigen engagieren wollte.

Mit Abagnale hat es, was die Moralisten enttäuschen wird, kein böses Ende genommen. Er hat sich nicht nur als Berater des FBI wirtschaftlich saniert. Er arbeitete an dem Film mit, den Steven Spielberg über sein Leben drehte, in dem er von Leonardo di Caprio verkörpert wurde und selbst in einer kleinen Nebenrolle auftrat.

Und damit nicht genug: In der Folge baute er die Firma Abagnale & Associates auf, die auch heute noch Banken, Fluglinien und Hotels in Sicherheitsfragen berät. Mit dieser Firma ist der 71-Jährige immer noch gut im Geschäft.

Man darf also gespannt sein, was aus Anna Sorokin noch wird. Vielleicht wäre sie mit ihrer Erfahrung ja eine großartige Justizministerin?