Lotte Tobisch, oft auch die Grande Dame von Wien genannt, nimmt sich ebenfalls kein Blatt vor den Mund. "Zurück zur Natur in der Stadt! So ein Quatsch! Heute verwechselt man die Innenstadt mit Caorle!", ereifert sich die Dame, die auf gepflegtes Äußeres hohen Wert legt. "Wer spricht heute noch von einem ‚Fest‘? – Alles ist ein ‚event‘. Daher gibt es keine festliche Kleidung, nur mehr Outfits. Das ist falsch verstandene Gleichmacherei."

Einer, der mit dem Problem tagtäglich konfrontiert wird, ist Toni Faber, Dompfarrer von St. Stephan. Die Aufseher im Dom singen ihm täglich ihr Klagelied. "Es ist ein heikles Thema", räumt er ein und erzählt eine Anekdote, die, wenn sie nicht wahr, so doch gut erfunden ist: Der Aufseher bittet einen Mann mit nacktem Oberkörper, den Dom zu verlassen. Der aber kontert: "Wieso, die Engel san a nockad." Darauf der Aufseher: "Die sind aus Stein!" Der Gerügte ist um die Antwort nicht verlegen: "No, was glauben Sie, i bin a aus Stan." (Gefängnis). Als ein Besucher mit zwei Dobermännern an der Leine den Dom betreten wollte, da reichte es. Seither hängt eine mehrsprachige Hausordnung im Eingangsbereich. Ob das helfen wird? "Wir haben 6,4 Millionen Besucher im Jahr. Wie sollen wir die alle kontrollieren?", seufzt Toni Faber.

Grenzenlose Freiheit?

Johan Idema ist holländischer Schriftsteller und Initiator zahlreicher kultureller Unternehmen. In seinem jüngsten Buch "How to be a better tourist" stellt er die fundamental wichtige Frage: Wir alle sind Touristen. Aber wie können wir gute Touristen sein, ohne die Seele der Destination zu zerstören?

Dresscode jeder Art hat eine gesellschaftliche Wirkung. Was einer trägt, egal ob Einheimischer oder Besucher, macht die Atmosphäre einer Straße, eines Viertels, einer Stadt aus. Städte wie Wien, Venedig, Amsterdam, Barcelona leiden unter dem Touristenansturm. Nicht allein wegen der Masse, die von den Riesenbussen oder Kreuzfahrtschiffen ausgespuckt werden, sondern auch wegen der Optik. Dubrovnik hat zu rigorosen Maßnahmen gegriffen: Wer mit nacktem Oberkörper durch die Stadt marschiert, muss zahlen. Toleranz und Freiheit haben ihre Grenzen und enden dort, wo das ästhetische Empfinden der Bewohner gestört wird. Wem der Respekt vor der Stadt, ihrer Einmaligkeit, ihrer Lebensform fehlt, der ist sicher kein "better tourist". Vielleicht wird es in Zukunft dazu kommen, dass die vom Massentourismus geplagten Orte Eintritt verlangen werden. Auf der Eintrittskarte steht dann: Wir bitten um entsprechende Kleidung. Ob das was nützen wird?