In diesem Sinne: Verschmachtet man in der sommerlichen Hitze, erfährt man am eigenen Leib, wie es ist, gleichzeitig gedämpft, gekocht und gegrillt zu werden (inklusive geschmort und gebacken, versteht sich von selbst), dann müssten eigentlich Bücher Abhilfe schaffen. Ja, gewiss auch, weil man sie, aufgeschlagen, gegen die Sonneneinstrahlung auf die Stirn legen kann. Was nur die vielseitige Verwendbarkeit von Druckerzeugnissen beweist: Vergleichen Sie einmal einen Simenon oder eine "Wiener Zeitung" übers Gesicht gebreitet mit einem dort platzierten Tablet, und Sie werden nie wieder die Legitimität von auf Papier Gedrucktem bezweifeln.

Aber im Grunde geht es um etwas Anderes: Nämlich um die Frage, ob es das Gedämpft-, Gekocht- und Gegrilltwerden (inklusive des Geschmort- und Gebackenwerdens) erträglicher gestaltet, wenn man, wie das Sprichwort vorschlägt, das eigene Leid mit dem anderer Gedämpfter, Gekochter, Gegrillter (inklusive Geschmorter und Gebackener) teilt. Wenn schon nicht der Blick auf den unmittelbaren Nachbarn in der Straßenbahn genügt (neulich saß da einer im Anzug mit Krawatte – gleich überkam mich ein Frösteln), dann könnte man doch mit Hitze-Literatur der Sache beikommen. Da gibt’s Bücher, die in Regionen spielen, die einen im sommerlichen Hierzulande glatt nach dem Wintermantel verlangen lassen.

Heißes Venedig

Mögen am Anfang Temperaturen stehen, die ungefähr denen in unseren Breiten vergleichbar sind: Da schwitzt Commissario Brunetti in Venedig, und zwar erstens, weil er einen Raubüberfall mit tödlichem Ausgang klären muss, obwohl er lieber mit seiner Familie Ferien machen würde, und zweitens, weil die Sonne unbarmherzig auf Venedig brennt. Man braucht kein Donna-Leon-Fan zu sein, um "Auf Treu und Glauben" zu mögen. Das ist ein behutsamer, trauriger Krimi, in dem Brunetti einen Augiasstall ausmisten muss. Bereits als Teil der Serie im Fernsehen gesehen? – Dennoch lesen! Nicht zuletzt, weil in den Büchern Vice-Questore Patta kein Trottel ist.

Hat nichts gebracht, weil nicht heiß genug? – Auf nach Sizilien! Andrea Camilleri kann man gar nicht oft genug und intensiv genug empfehlen. Wer noch nie einen Commissario-Montalbano-Krimi gelesen hat, weiß nicht, wozu dieses Literaturgenre in der Lage ist: Nämlich dazu, echte Literatur hervorzubringen – als ob gewiefte Krimi-Verteidiger das nicht ohnedies wüssten, wenn sie, völlig zurecht übrigens, den "Ödipus" des Sophokles und Dostojewskis "Schuld und Sühne" für das Genre beanspruchen. Zurück zu Camilleri: "Die schwarze Seele des Sommers" ist ein Meisterwerk! Auf der Suche nach einem vermissten Feriengast entdeckt Montalbano in einem Koffer die Leiche einer seit langem vermissten Frau. Dann nimmt deren Doppelgängerin Kontakt zu ihm auf. Im leichten Erzähltonfall erfolgt der Besuch in den Abgründen. Und die Augustsonne brennt unbarmherzig auf Vigàta nieder. Dagegen ist es bei uns ja nachgerade kühl!