Schwitzpotenzial hat die Provence seit jeher – und Suchtpotenzial, seit Cay Rademacher dort seine Krimis um Capitaine Roger Blanc ansiedelt. Der Autor, der für die "Zeit" geschrieben und das "Geo"-Magazin mitaufgebaut hat, ist insoferne ein Ausnahmefall, als er es schafft, sozusagen ausländische Regionalkrimis zu schreiben, also als Deutscher einen Provence-Krimi zu verfassen, der wirklich nach Rosmarin, Thymian und Lavendel riecht. "Tödliche Camargue" ist einer der besten Krimis der Roger-Blanc-Serie – und für unsere Zwecke, also von wegen "geteiltes Leid", schon deshalb ideal, weil die Luft über dem Papier flimmert. Obendrein dieser Fall! Da spießt ein Kampfstier einen Fahrradfahrer auf. Das sieht zwar nach Unfall aus, aber wäre es einer, wäre das Buch nach ein paar Seiten zu Ende, nicht wahr?

Wenn man jetzt daran denkt, dass Picasso aus einem Fahrradsattel und einer Lenkstange einen Stierkopf montiert hat, weiß man, dass man es mit einem blitzgescheiten Autor zu tun hat, der nicht nur wahnsinnig spannend schreibt, sondern auch das Augenzwinkern beherrscht.

Immer nur Krimis? – Nein, natürlich nicht! Aber erstens sind Krimis ein wunderbares Lesevergnügen, bei dem man ruhig einmal auf hohem Niveau den Verstand dimmen kann, andererseits: Wer will denn schon bei 38 Grad im Schatten Robert Musils 1000-Seiten-Fragment lesen? Ja, sicher geht es im "Mann ohne Eigenschaften" auch um höhere Temperaturen, schließlich gibt es kaum etwas, worum es in diesem Roman nicht geht, aber ob das, trotz der vielleicht schönsten Strandszene der ganzen Literaturgeschichte, die geeignete Lektüre für das Bad ist, sei doch vorsichtig angezweifelt.

Muss ja auch nicht sein, zumal sich Musils Sektionschef Tuzzi ohnedies hitzehalber selbständig gemacht hat dank Jörg Mauthe. Das Szenarium des Romans kommt einem irgendwie bekannt vor: Österreich stöhnt unter der Hitze. Als das Wasser knapp wird, erhält Tuzzi den Auftrag, seine Nation zu retten. Auf seiner Mission entdeckt er, nebst einem Zwergenreich, auch die Verflechtungen der österreichischen Beamtenschaft. Welch glänzender Erzähler dieser Jörg Mauthe doch war! Witzig und klug hat er den Spagat zwischen leichter Lesbarkeit und tieferer Bedeutung geschafft. Fritz von Herzmanovsky-Orlando hat ihm möglicherweise anerkennend auf die eine Schulter geklopft, und der Friedrich Torberg auf die andere. Was ist für den Hans Weigel zum Klopfen übergeblieben? – Hat er ihm halt die Hand zum Gruß gereicht. Und der Ferdinand Raimund schmunzelt dazu. Na bitte: Kein Krimi, heiß und ideal für unseren Zweck.

Die Wüste blüht

Nach dieser Erfahrung kann die Temperatur getrost noch ein wenig steigen, aber, bitte, wirklich nur in der Literatur! Und damit auf in die Wüste!

Jetzt denken alle an das eine Buch, oder etwa nicht? – Nämlich an das mit der naseweisen Nervensäge, die alles nur mit dem Herzen sehen will. Selber schuld, der Antoine de Saint-Exupéry: Ein fabelhafter Autor schreibt einfach keinen solchen Pseudoweisheitsmist, das kann man doch einem Paulo Coelho überlassen. Nein, es kommt auch nicht "Die Stadt in der Wüste", dieses wirklich bedeutende Werk, das aber keine Strandbadlektüre für die baumelnde Seele ist. Aber "Wind, Sand und Sterne" kann man getrost zu Bikini oder Badehose packen.