300Jahre hat das Exemplar auf dem Buckel, schätzt Elmar Huter, vielleicht sogar einige Jahrzehnte mehr. Mit Kennerblick taxiert der Naturführer eine gut 20 Meter hohe Zirbe am Hochzeiger im Tiroler Pitztal. Dicke, zerrissene Rinde umgürtet den Stamm, dunkelgrüne Nadeln recken sich in dichten Büscheln dem Himmel entgegen. Armdicke Wurzeln, die einen Steinblock umkrallen und einen einen Meter tiefen Kontakt zum Almboden finden, verleihen ihr die Aura eines Methusalems. Ihre Zähigkeit und ihre herbe Schönheit machen die Zirbe zur wohl imposantesten Erscheinung der heimischen Bergwelt. Der Zirbensteig im Tiroler Ort Jerzens rückt die alpine Grenzgängerin – pinus cembra auf lateinisch – in aller Pracht in die Auslage.

Etwa 1000 Einwohner hat die kleine Gemeinde im Pitztal. Dass die Bewohner eine enge Beziehung zur Zirbe pflegen, erschließt sich aus einem einfachen Umstand. Sie bietet ihnen Schutz. In einer Höhe von 1800 Metern beginnt der Zirben-Schutzwald, der eine Barriere gegen Lawinen und Muren bildet. Umsichtig bewirtschaftet, liefert der Zirbenwald den Pitztalern seit ehedem auch den Rohstoff für schöne Möbel und getäfelte Bauernstuben. Nicht nur das: Seit einigen Jahren macht das "Zirbendorf" seinen natürlichen Schatz mit einem Erlebnispark, Kulinarik-Workshops und weiteren ungewöhnlichen Facetten erlebbar.

Knorrige Zirben auf dem Weg zur Kalbenalm - © Stefan Spath
Knorrige Zirben auf dem Weg zur Kalbenalm - © Stefan Spath

Hinein in die gute Stube. An der Mittelstation der Hochzeiger-Bergbahnen startet der Zirbensteig, der einen der größten und ansehnlichsten Zirbenwälder Österreichs durchquert. Durch ein Spalier aus Baum-Majestäten, die mancherorts kerzengerade wie die Säulen einer Kathedrale emporragen, dann wieder wie der schiefe Turm von Pisa überhängen, geht es bergauf. Knorrige Wurzeln quellen über den Weg. Wo ihr der Zufall einen kargen Standort zugewiesen hat, sendet die Zirbe ihre Boten weithin aus, um sich im Nährboden zu verankern. Ihr ausgeprägtes Wurzelwerk hat unter den alpinen Gewächsen kein Pendant. Ein bombenfestes Standbein benötigt sie auch, um orkanartigen Winden, Temperaturen von bis zu minus 30° Celsius und weiteren klimatischen Extremen zu trotzen. Rund um die Kalbenalm in 2117 Metern Höhe fristen einige besonders stattliche Exemplare ein Einsiedler-Dasein – Wächtern gleich blicken sie über das Pitztal, das sich südlich von Imst in die Welt der Ötztaler Alpen windet.

Zirbe und Zirmgratsch –
ziemlich beste Freunde

Baumskelette, die ihre bleichen Äste in den Himmel recken, künden von einem Blitzeinschlag in alten Zeiten. Andere Exemplare haben die Folgen eines solchen Elementarereignisses gerade noch weggesteckt und wachsen nun in zerzauster Form weiter. Ein violett-rötlich leuchtendes, entkerntes Gehäuse am Waldboden kündet vom Festschmaus eines Tannenhähers. Zirmgratsche werden sie in Tirol genannt – nach dem lauten "Ratschen", mit dem die Vögel aus der Rabenfamilie ihr Territorium akustisch abstecken. Der zeternde, schnarrende und krächzende Geselle ist der ziemlich beste Freund der Zirbe. Wenn im Juli die Zapfen reif sind, verfällt er in hektische Aktivität. Tausende von Körnern pickt er aus den von Harz triefenden, schuppigen Gehäusen und bunkert sie für den Winter ein, etwa in einer Mulde oder zwischen Steinblöcken. Nicht alle findet er wieder. "Und so trägt er zur weiteren Verbreitung der Zirbe bei", erklärt Zirbenexperte Elmar Huter. Die mit dem Klimawandel verbundenen höheren Temperaturen am Berg eröffnen der alpinen Grenzgängerin neue Chancen. Noch unterhalb des Sechszeigers, der immerhin 2370 Meter hoch ist, kämpfen sich einige Jungzirben aus dem Almboden – in Höhenlagen, wo längst keine Fichten und Lärchen mehr zu finden sind.

Wachstum im Zeitlupentempo

Die Zirbelkiefer wächst im Zeitlupentempo, Früchte bildet sie erst nach fünfzig, sechzig Jahren aus. Wie allerorts, wo es Zirben gibt – das ist von Tirol über den Süden Salzburgs und Kärnten bis in die Steiermark der Fall – wird auch auf der Kalbenalm ein "Zirm" angesetzt. Eingelegt in Korn oder in Wodka geben die in Scheiben geschnittenen Zapfen ihr intensives Wald- und Harzaroma binnen zwei Wochen ab. Das eng anliegende Kleid der Zirbe mache es ihm allerdings nicht leicht, an die begehrten Früchte zu gelangen, erzählt Klaus Schrott. Der Wirt der Kalbenalm betätigt sich auch als Schnitzkünstler. Mit einem stolzen Adlerpaar und weiteren Skulpturen aus Zirbenholz hat er sein kleines Reich ausgestattet. Ein weiteres Paradoxon: Die Zirbe ist extrem zäh, ihr Holz jedoch ist weich und gut zu bearbeiten.

Ungewöhnliche Facetten gewinnt das Team des Bergbahn-Restaurants der "Königin der Alpen" ab, wie sie mitunter genannt wird. Leicht herb schmeckt der mit Mineralwasser aufgespritzte Zirbensirup – ein herrlicher Durstlöscher zum Ausklang der Wanderung. In Wasser mit Zirbenaroma wird eine Hauswurst gesotten, dazu passt natürlich Zirbensenf. Das Ansetzen des eigenen Zirbenschnapses ist für viele Teilnehmer das Highlight des Kulinarik-Workshops. Etwa 14 Tage darauf ist er trinkfertig – ein ideales Urlaubsmitbringsel.

Erlebnispark mit
Zirben-Kinderstube

Nebenan lädt ein Erlebnispark zum Anschauungsunterricht. Ein Zirbenzapfen stand Modell für einen zwölf Meter hohen Turm, der als Klettergerüst und Rutschenstation dient. In einem Hochbeet setzen junge Besucher Zirbennüsschen ein und versehen ihre Baum-Hoffnung mit Namensschild und besten Wünschen fürs Gedeihen. Die im Vorjahr gesetzten Samen haben sich mit hellgrünen Trieben bereits aus dem Erdreich gekämpft. Wenige Schritte weiter hat ein uralter Zirbenstamm nach einem Upcycling ein neues Leben als Kugelbahn begonnen – die Zirbenkugel dazu liegt überraschend leicht in der Hand.

Dass dieses Holz-Leichtgewicht ein Schwergewicht in Sachen Wohlbefinden ist, ist in der alpinen Volksmedizin längst bekannt. Nicht von ungefähr kommt in Bauernstuben und Schlafzimmern eifrig Zirbenholz zum Einsatz. Ihm entströmt bei der Verarbeitung ein feiner Duft, dem eine beruhigende Wirkung nachgesagt wird. Seit Untersuchungen publiziert worden sind, wonach das Herz in einem Zirbenholz-Zimmer um einiges ruhiger schlägt, was unter anderem für erholsameren Schlaf sorgt, ist die Zirbe zum alpinen "Kultbaum" avanciert.

Ätherisches Zirbenöl

In seinem Sägewerk am Talgrund hat Sepp Reinstadler, der lange Zeit als Bürgermeister von Jerzens amtierte, ein Kompetenzzentrum in Sachen Zirben eingerichtet. Hut mit Feder, Trachtenhemd, freundlich blitzende Augen, so empfängt der "Zirm Sepp", wie er im Tal auch genannt wird, seine Kunden. Seit mehr als zehn Jahren befasst sich der Pitztaler intensiv mit den Eigenschaften des Nadelbaumes auf den menschlichen Organismus. Reinstadler hat ein Destillationsverfahren entwickelt, um aus gehäckseltem Restholz, Nadeln und Zapfen ätherisches Zirben-Öl zu gewinnen. Ein aufwändiges Unterfangen, ergibt doch eine Tonne Zirbenhackschnitzel nur einen Liter der kostbaren Essenz. "Die Zirbe bildet Harze aus, und dieses Pinosylvin wird wahrscheinlich die Hauptheilkraft haben", sagt er. Ein paar Tropfen auf ein Stück Zirbenholz geträufelt, am Nachttisch platziert – so sollen die wertvollen Inhaltsstoffe den Schlummer verbessern. "Wenn man das die Nacht über einatmet, ist das sehr gut für das Herz-Kreislauf-System, der Puls sinkt", erklärt seine Frau Roswitha Reinstadler.

Die meisten mögen den Duft, manche finden ihn auf Dauer zu intensiv – eine Erfahrung, die man mitunter in "frischen" Zirbenholz-Zimmern machen kann. Mit ein paar Tropfen Zirbenöl oder einem Zirbenflocken-Säckchen unter dem Kopfpolster lassen sich die Auswirkungen auf den eigenen Schlaf kostengünstig testen. Andere lassen sich gleich ein Zirbenholzbett zimmern oder gar eine Stube mit dem "Wunderholz" vertäfeln. Kein Wunder, dass sich der Preis für Zirbenholz in den vergangenen Jahren verdreifacht hat. Reinstadler betont jedoch, dass er für sein Öl ausschließlich Hackgut verarbeite, das sonst ungenützt bliebe. Nachhaltig bewirtschaftet werde der Zirbenbestand auch im ganzen Tal.

Eine mit Zeitungsartikeln gepflasterte Wand zeigt, dass das Interesse für den "Wunderbaum" aus den Alpen groß ist. Vom Duschgel bis zum Raumparfüm, vom Zirbenholz-Ring über Zirbensäckchen gegen Motten bis zum Zirbenholzkästchen gegen Elektrosmog und vom Zirbenlikör bis zum Zirmgelee reicht die Palette der Produkte, die im Shop nebenan zu finden sind. "Naturnah", "Bio" und "Harmonie" – so lauten die Slogans auf den Etiketten. Was letztlich gut tut, das muss jeder für sich herausfinden. Einen Zirbenschnaps setzt Zirben-Pionier Sepp Reinstadler natürlich auch an. "Anwendung bei Magenverstimmung, Missmut, Nervenschwäche, allgemeinem Schwächezustand und bei Übelkeit" – so steht auf dem Faksimile eines uralten Rezepts an der Wand zu lesen. Da lässt sich schwer ein Grund finden, der gegen eine kleine Verkostung spricht!

Die Reise erfolgte auf Einladung des TVB Pitztal.
des TVB Pitztal.