Links glitzert das Meer in tiefem Blau, rechts leuchten blütenweiße Belle-Éopque-Fassaden, im Norden kratzen die Gipfel der Seealpen am Himmel. Bereits der Anflug auf Nizza gerät zur Sightseeing-Tour der Extraklasse. Wie auf einem Silbertablett angerichtet sind die Verheißungen der französischen Riviera. Die Palmen entlang der Promenade des Anglais sind mit freiem Auge zu erkennen. Jetzt begleitet der Flieger den hellen Kiesstrand, der sich entlang der sanft geschwungenen Baie des Anges erstreckt. Gut besucht ist er – doch wer hat damit gerechnet, wenn zuhause das Wetter schon längst ins Nasskalte gedreht hat?

"Das Wasser hat 19 Grad, das ist etwas ungewöhnlich für diese Jahreszeit", räumt die Verkäuferin ein, die auch Anfang November mit Bademode noch gute Geschäfte macht. An der Côte d’Azur gibt sich der Sommer noch nicht geschlagen, auch wenn die Strandclubs Liegen und Sonnenschirme schon ins Winterlager verräumt haben: Handtuch ausgebreitet und aufs Meer hinausgeblickt. Ein Streifen von Türkis begrenzt den Meeressaum, dann wechselt die Farbpalette der Côte d‘Azur in satteres Blau. Das Rieseln der vom Wellengang hin- und hergeschobenen Kieselsteine – der "galets" – hat eine beruhigende Wirkung. Auch die Stadt selbst kommt wieder zu Atem, die Besucherströme sind merklich ausgedünnt. Ideal, um Nizza so zu erkunden, wie es die ersten Touristen taten: zu Fuß und mit Muße.

Vom Armenhaus zur goldenen Nase

Im 19. Jahrhundert stieg Nizza zur ersten Stadt der Welt auf, die sich mit Besuchern eine goldene Nase verdiente. Es waren Engländer, die voranmarschierten. Ausgezehrte, Hustende und all jene, die vom Nebel daheim die Nase voll hatten, mieteten sich über den Winter ein. Das milde Klima und die Schönheit der Küste mit viel Grün rund ums Jahr weckten ihre Lebensgeister. Bald kamen auch Überwinterer aus Deutschland und Russland. Um 1900 war das einstige Armenhaus des Südens als inoffizielle "Winterhauptstadt" von Europas Adel und reichem Bürgertum etabliert. Prunkvolle Villen und Hotelpaläste überzogen die Hügel im Hinterland, etwa das Etablissement mit dem klingenden Namen "Excelsior Regina Palace". Wenn Englands Königin Victoria ihren Winter-Brexit startete, nahm sie mit Entourage gleich ein Drittel der 200 Zimmer in Beschlag. Die seewärts gerichtete 150 Meter lange Fassade mit ihren Türmchen und Balkönchen kündet vom einstigen Glamour der Belle Éopque.