Neunzig Autominuten von Tucson entfernt liegt Tombstone. In der ehemals reichen Silberminenstadt kann man auch als Schurke heute wieder etwas werden. Niemand weiß das besser als die Laiendarsteller von Wyatt Earp und Doc Holliday. Von Frühjahr bis Herbst sind sie mit Dutzenden von "Gangstern" und "Cowboys" Touristen auf den Fersen, um ihnen für eine Handvoll Dollar "historische Plätze" vor dekorativen Westernfassaden zu zeigen. Im OK Corral wird die berühmteste Schießerei des Westens nachgestellt. Nur 30 Sekunden brauchten Wyatt Earp und Doc Holliday am 26. Oktober 1881, um Billy Clanton und die McLowrey-Brüder ins Jenseits zu befördern. Dieses Shoot-out sichert Tombstones Bürgern auch 130 Jahre später noch Arbeit und Lohn. Als Heldenfigur und Kreuzritter gegen die Anarchie kam Earp in den Law-and-Order-Streifen "Frontier Marshall" (1939) und "Tombstone" (1946) zu Filmehren. In Wirklichkeit standen sich in dem Hinterhof aber nur ein paar Halunken gegenüber, deren einziges Unterscheidungsmerkmal verschiedene Wirtschaftsinteressen waren. Der Wahrheit über den Outlaw und Gelegenheitsmarshall kommen später gedrehte Verfilmungen wie Kevin Costners Epos "Wyatt Earp" aus dem Jahr 1992 wesentlich näher.

Riesige Kakteen sind quasi das Wahrzeichen von Arizona. - © Manfred Lädtke
Riesige Kakteen sind quasi das Wahrzeichen von Arizona. - © Manfred Lädtke

Spannender als die nachlässig gespielte Platzpatronen-Posse ist ein Streifzug durch Tombstone. Ausstattung und Requisiten im alten Bird Cage Theater erinnern an die bleihaltigen Zeiten, als grölende Raubeine die Puppen tanzen ließen. Gegenüber an der messingbeschlagenen Mahagonitheke im original restaurierten Crystal Palace soll Wyatt Earp kräftig gebechert haben, bis er 1929 nach Kalifornien ging und als wohlhabender Schurke starb. Schandtaten anderer "prominenter" Galgenvögel sind im Court House verewigt. Für die meisten reichte es nur bis zum Friedhof an der Ortseinfahrt. "Gehenkt", "gelyncht" oder "versehentlich erschossen" steht auf den Grabsteinen des Boothill Graveyard.

Von Tombstone zum Monument Valley, jener dramatischen Kulisse für wilde Verfolgungsjagden, reichte den Guten und Bösen im Film ein forscher Minutengalopp. Tatsächlich sind bis zu der Außenstelle Hollywoods jenseits der Schnittkunst aller Kino-Illusionen 700 Kilometer durch weites wüstes Land zurückzulegen.

High Noon in Arizona. Die Sonne brennt wie Tabasco. Der Highway 163 gleicht einem schwarzen Pfeil, der sich geradewegs in den blauen Horizont bohrt. Man glaubt, man kommt nie an, und genießt doch jede Meile.

Im Monument Valley thronen unterhalb eines weitläufigen Plateaus auf einer unendlich scheinenden rotbraunen Sanddecke gewaltige Felsformationen. Von Menschenwerk keine Spur. Zwei Millionen Jahre hat die Natur an den steinernen Riesenskulpturen gearbeitet. Im wechselnden Sonnenlicht bekennen die Monolithen Farbe. Morgens glühend rot, abends schimmernd violett. "Land des schlafenden Regenbogens" nennen die Navajos ihr Land in der Reservation. Vor dem Visitor-Center warten Indianer mit  Jeeps und Geländewagen auf Kunden. Für Privatfahrzeuge sind weite Teile der Ebene gesperrt. Keine Reklametafeln oder klapprige Tische mit Andenken, nicht einmal eine Erfrischungsbude stören den eigentümlichen Zauber dieser seit Jahrhunderten unverändert gebliebenen heiligen Landschaft der Indianer. An den hektischen Autostraßen ihres Reservats holen die Navajos mit steuerfreien Spielcasinos, Fastfood-Ketten und Souvenirläden zum wirtschaftlichen Befreiungsschlag gegen den weißen Mann aus. Hier aber, in der majestätischen Wildnis, herrschen Ruhe und Frieden.

Eine 27 Kilometer lange ringförmige Schotterpiste schlängelt sich durch "Marlboro-Country", das größte Film- und Werbeatelier der Welt. Der Pick-up schaukelt durch Schlaglöcher, röhrt kleine Sanddünen hinauf und poltert über Geröll. Vor 60 Jahren jagte John Ford in "Stagecoach" Postkutschen und Indianer  durch das gigantische Tal der Denkmäler und machte mit seinen Western das Stillleben aus Stein zu einem Touristenmagnet. Der Kramladenbesitzer Harry Goulding hatte dem Filmboss 1925 in Hollywood Fotografien von Monument Valley auf den Schreibtisch gelegt und auf das spektakuläre Kinopanorama aufmerksam gemacht.