Ab Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelten sich aus den genossenschaftlichen Verbindungen Städtebündnisse. Die Großkaufleute fuhren nun seltener selbst zur See und zogen in die Rathäuser der Hansestädte ein. Zwischen 1356 und 1669 besprachen ihre Vertreter einmal jährlich auf den Hansetagen, wie sie ihre Interessen - etwa den Schutz vor Piraterie und die Durchsetzung und Verteidigung ihrer Handelsfreiheit und Rechtssicherheit - nicht mehr nur durch Finanzmacht, sondern mit politischen Mitteln durchsetzen könnten. Mit lauteren und unlauteren Mitteln, mit Handelssperren und Kaperkriegen auf See kämpften diese Bürger - nicht selbst, sondern sie ließen kämpfen - gegen Fürsten und Könige und waren dabei mal mehr, mal weniger erfolgreich. Die meisten Kriege richteten sich gegen die dänischen Könige, die die Hauptlinien des Seehandels zwischen dem rohstoffreichen Osten und dem gewerblich hoch entwickelten Westen kontrollierten.

Besucher des Hansemuseums können sich im Raum "Diplomatie und Politik" an einer Medienstation Streitgespräche auf dem Hansetag in Lübeck im Jahr 1518 anhören, die gut dokumentiert sind. 1980 wurde die Tradition der Hansetage übrigens wieder aufgenommen. Nach dem Vorbild der mittelalterlichen Hanse entstand damals im niederländischen Zwolle die Neue Hanse, ein Städtebund, der den grenzübergreifenden Gedanken wiederbeleben und nicht nur die wirtschaftliche Zusammenarbeit und den Tourismus im ehemaligen Hanse-Gebiet fördern soll.

Die Hanse wird wegen ihrer europaweiten Kooperation oft als Vorbild für die Europäische Union genannt. Auch wenn sie weitreichende politische und kulturelle Auswirkungen hatte, für die Hanse galt allein der Profit und sie war nur für Kaufleute niederdeutscher Abstammung zugänglich. Diese kehrten immer wieder in ihre Heimat zurück, vielleicht werden die Besucher beim Rundgang deswegen immer wieder nach Lübeck zurückgeführt. Räume über die Pest und die Landgewinnung im mittelalterlichen Lübeck haben jedoch keinen direkten Bezug zur Hanse; beides gab es auch anderswo. Den Platz hätte man zum Beispiel für andere Städte des riesigen Netzwerks nutzen können. Schade, dass man sich bei einem Museum, das sich europäisch nennt, so sehr auf die lokale Stadtgeschichte konzentriert hat.

Einsatz der Bürger

Das chronisch klamme Lübeck hätte sich ein Projekt wie das Europäische Hansemuseum nicht leisten können, gäbe es nicht das traditionell starke bürgerschaftliche Engagement seiner heutigen Einwohner. Alle Sammlungen der beeindruckenden Lübecker Museumslandschaft - vom Buddenbrookhaus und Günter Grass-Haus über Museen für Mittelalterkunst, Moderne Kunst, Völkerkunde, Natur - und Industriegeschichte bis zur Ausstellung "Die Macht des Handels" im Holstentor, die auch auf die Geschichte der Hanse eingeht - sind bürgerlichen Ursprungs.

Das sei hanseatischer Bürgergeist, so Bernd Sachse, Bürgermeister der 214.000-Einwohner-Stadt, anlässlich der Eröffnung des Museums. "Der Kaufmann soll erfolgreich sein, aber er soll auch etwas an die Gemeinschaft zurückgeben." Die rund 50 Millionen Euro, die das Europäische Hansemuseum kostete, wurden zum Großteil von der in Lübeck allgegenwärtigen Possehl-Stiftung getragen; sie entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Nachlass des Kaufmanns Emil Possehl und fördert seitdem soziale und kulturelle Projekte in dessen Heimatstadt. Das Bundesland Schleswig-Holstein hat 9,4 Millionen Euro aus EU-Fördermitteln beigesteuert.

Die Ausstellung wird sich im Laufe der Zeit noch verändern, schon allein, weil das Museum über keine eigene Sammlung verfügt. Die bisher wenig spektakulären Leihgaben und ihre karge Präsentation machen es gemeinsam mit den sorgsam nach historischen Vorbildern erstellten, aber oft oberflächlich bleibenden Inszenierungen schwer, sich in die Lebenswelt der Hanse einzufühlen. Die Exponate, die die Besucher am meisten in eine andere Welt eintauchen lassen, sind die Grabungen im Untergrund und das Burgkloster. Sie stehen jedoch für sich, einen direkten Bezug zur Hanse gibt es nicht.

Jeannette Villachica, geboren 1970, lebt und arbeitet als Kultur- und Reisejournalistin in Hamburg.

Autorin des Buches "Und dann kam der Richtige. Frauen erzählen die Liebesgeschichten ihres Lebens" (Herder, 2013).