Unter anderem fordert Ibrahim die Gläubigen zur Beteiligung am Krieg in Palästina und im Irak auf, fordert materielle Unterstützung für die "Märtyrer" und verherrlicht Dschihad und Märtyrertum: "Wie lange wollt Ihr als Zuschauer warten, was im Irak und in Israel geschieht? Wollt Ihr warten, bis dasselbe Erdbeben auch Euch trifft? Das geschieht, weil Ihr nicht genügend unterstützt, materiell und ideell, vor allem die Märtyrer." Später schreit er: "Für uns gibt es keinen alternativen Weg als den Dschihad." Dann erklärt Ibrahim: "Vor Allah ist der rechte Dschihad der Dschihad im Irak, der rechte Dschihad ist der Dschihad in Palästina." Und: "Eine Stunde an einem Kriegsschauplatz im Dschihad für die Sache Allahs zählt mehr als 70 Jahre frommes, religiöses Leben."

In der Öffentlichkeit galt Ibrahim bisher als liberal. "Der Wiener Imam hat auf Deutsch zum Dialog aufgerufen, auf Arabisch den Dschihad gepredigt", meint aber die deutsche Islamexpertin Hildegard Becker.

Scheich Adnan sieht sich hingegen als Opfer einer Kampagne. Er sei missverstanden worden: "Die aufgetauchten Übersetzungen sind aus dem Zusammenhang gerissen." Nicht an seine realen Zuhörer seien die Predigten gerichtet gewesen, sondern an die Menschen in den Kriegsgebieten. Als einer seiner Zuhörer in den Dschihad ziehen wollte, habe er es verboten.

Adnan Ibrahim weist auf seine Stellungnahmen gegen Terrorattentate in New York und Europa hin. "Niemals würde ich Gewalt gegen Zivilisten gutheißen", sagt er. "Meine Bemühungen für Frieden im Irak sind Interessierten bekannt." Gegenüber der "Wiener Zeitung" rechtfertigte sich Scheich Adnan damit, dass seine Aussagen auf der Scharia basierten.



"Kein Handlungsbedarf"


Für Irritationen sorgt nach wie vor, dass die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) den sich an der Scharia orientierenden Imam der Öffentlichkeit über viele Jahre als moderat präsentiert hat. Auch jetzt steht die IGGiÖ-Vertretung geschlossen hinter ihm: "Dieser Gelehrte genießt weit über Österreich hinaus einen ausgezeichneten Ruf wegen seiner aufgeklärten und liberalen Haltung", wird in einer Presseaussendung betont.

Und obwohl Ibrahim angehende Islamlehrer an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA) ausbildet, sieht IGGiÖ-Präsident Anas Schakfeh keinen Handlungsbedarf: "Wir warten ab, ob er verurteilt wird." Scheich Adnans persönliche Meinungen hätten mit seiner Funktion als Dozent der IRPA nichts zu tun. "Er unterrichtet rein theologische Fächer, nicht Politik. Nur wenn Scheich Adnan im Unterricht eine politische Ansicht vertritt, ist das nicht akzeptabel."

Angesprochen auf Ibrahims Aufruf zu Märtyrertum, meint Schakfeh: "Für Scheich Adnan ist Märtyrer, wer zivilen Ungehorsam gegen Tyrannen leistet. " Und was den Terror angehe: "Wenn unbeteiligte Zivilisten betroffen sind, ist das Terror, aber Widerstand gegen Soldaten einer Besatzungsmacht ist nicht Terror." Zum Dschihad erklärt der IGGiÖ-Präsident: "Eigentlich ist Dschihad eine Überwindung des Selbst. Als Aggression lehne ich Dschihad absolut ab, und nur so unterrichten wir Dschihad in den Schulen."

Auch Fritz Edlinger, Generalsekretär der Gesellschaft für österreichisch-arabische Beziehungen, verteidigt Adnan. Er habe immer "Kompromiss und Ausgleich" gepredigt.



Verurteilung in Bayern


In der arabischen Welt blieb die Strafanzeige hingegen nicht ohne Reaktionen. So begrüßte etwa der Fernsehsender Al-Arabia die Anzeige gegen Ibrahim. Vor allem Ibrahims Aufruf zum Sturz arabischer Regimes war dort auf Unbehagen gestoßen.

Empört über Ibrahim ist auch die Union orientalischer Christen in Österreich: "Wir verurteilen das Aufreizen von terroristischen islamischen Gruppen, um Terroraktivitäten in der ganzen Welt zu führen. Wir ersuchen die Behörden, den Fall Adnan Ibrahims zu untersuchen."

Im deutschsprachigen Raum ist es im Zusammenhang mit fundamentalistischer Verhetzung oder finanzieller Unterstützung von Terroristen bisher nur in Ausnahmefällen zu Verurteilungen gekommen.

In Bayern wurde ein irakischer Kurde 2006 im bundesweit ersten derartigen Prozess wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorgruppe zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er soll die irakische Terrorgruppe Ansar al-Islam, die mit einem heiligen Krieg einen Gottesstaat im Irak errichten will, finanziell unterstützt haben.

Laut dem bayrischen Innenminster Günther Beckstein ist im betreffenden Fall unter dem Deckmantel humanitärer Projekte auch bei den Gläubigen für die Angehörigen der Märtyrer gesammelt worden.