Wien. Alleinerziehende Mutter mit neuem Partner ohne Kind, alleinerziehender Vater oder zwei Erwachsene mit eigenen und Stiefkindern: Konstellationen abseits der "regulären" Familie gibt es viele. In den meisten Fällen geht diesen eine Trennung voraus. Bereits neun bis zehn Prozent aller Familien mit Kindern seien Patchworkfamilien, sagt Soziologin Ulrike Zartler vom Institut für Soziologie der Universität Wien. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Eltern eines Kindes bis zu dessen 18. Geburtstag scheiden lassen, liege bei 20 Prozent - rechnet man die Trennungen Unverheirateter dazu, bei 30 Prozent. Nicht-eheliche Lebensgemeinschaften haben laut Zartler höhere Trennungsrisiken.

Die Gesamtscheidungsrate ist nach ihrem Höhepunkt 2007, als laut Statistik Austria jede zweite Ehe geschieden wurde, zwar rückläufig, aber nur geringfügig. Sie liegt noch immer auf hohem Niveau: Im Jahr 2017 wurden vier von zehn Ehen geschieden. Trotz all dieser Entwicklungen und der Tatsache, dass schon fast jeder im Freundeskreis mit dem Thema Trennung konfrontiert ist, ist es noch immer nicht vollständig akzeptiert. Die Tendenz gehe zwar in diese Richtung, aber wer nach wie vor am meisten leidet, sind laut Zartler die Kinder.


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"Fragen wie: ,Finden Sie, dass es in Ordnung ist, sich scheiden zu lassen, auch wenn Kinder involviert sind?‘, werden in großen Umfragen zwar prinzipiell bejaht - aber eben nur prinzipiell", sagt Zartler zur "Wiener Zeitung". Qualitative Studien, im Zuge derer man mit den Befragten persönlich spricht, ergäben ein ganz anderes Bild. "Da zeigt sich, dass es durchaus normative Vorbehalte gibt."

Alleinerziehende erzählten zum Beispiel, dass sie sich auf dem Spielplatz ausgegrenzt fühlten. "Weil es noch immer die Vorstellung gibt, dass eine Familie nur dann vollständig sein kann, wenn Mutter und Vater zusammen sind", sagt Zartler. Und die Scheidungskinder spüren diese Stigmatisierung freilich auch.

Jedes Kind habe Angst davor, dass die Eltern sich scheiden lassen, sagt Zartler. Wie es eine Scheidung dann tatsächlich erlebt, hänge massiv vom Verhalten der Eltern ab. Dass es etwa in Patchworkfamilien zwei Elternpositionen gibt, sei zwar grundsätzlich gut für das Kind - aber auch hier gebe es ja weitere Elternteile, die Rechte haben und präsent sind. "Und das ist eine Herausforderung im Alltag", so Zartler. Kinder sollten in keine Loyalitätskonflikte geraten oder als Spielball benutzt werden. "Die Kinder sind abhängig davon, dass sich die Eltern kooperativ verhalten."

"Kinder massiver hineingezogen"

Eine gegenläufige Tendenz zeichnet sich allerdings ab. "Kinder werden massiver in Scheidungen hineingezogen", sagt die Wiener Anwältin Susanna Perl-Böck, die auf Ehe- und Familienrecht spezialisiert ist. Obsorge- und Kontaktrechtsverfahren würden zunehmend härter geführt - meist zulasten der Kinder.

Der Oberste Gerichtshof hat eine Judikatur entwickelt, dass man für jeden zusätzlichen Betreuungstag, der über das übliche Kontaktrecht hinausgeht, weniger Unterhalt zahlen kann. Sehr viele Unterhaltspflichtige - das sind noch immer meistens die Väter - seien jetzt daher bemüht, das übliche Kontaktrecht von jedem zweiten Wochenende und einem zusätzlichen Nachmittag auszuweiten, sagt Perl-Böck. Das berge Konfliktpotenzial, weil der Elternteil, bei dem das Kind lebt, dann weniger Geld zur Verfügung hat.

"Was man noch beobachten kann: Wenn eine Scheidung vermögensrechtlich schnell über die Bühne gegangen ist, bleiben die Eheleute umso länger im Kontaktrechtsverfahren hängen", so Perl-Böck. "Sie haben sich offenbar noch zu wenig mit dieser Scheidung auseinandergesetzt."

Die gemeinsame Obsorge, die das Gericht seit 2012 auch bei strittigen Trennungen und gegen den Willen der Eltern verhängen kann, wenn es dem Kindeswohl entspricht, sollte helfen, die Eltern in die Verantwortung zu nehmen. Beim sogenannten Clearing für die Parteien des Verfahrens, einem Gespräch, wird versucht, Möglichkeiten und Wege einer gütlichen Einigung auszuloten. In hochstrittigen Fällen kann das Gericht auch eine Erziehungsberatung auftragen. "Die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern werden dadurch aber sogar härter, und die Kinder werden auch durch die neuen Instrumente in der Familiengerichtshilfe noch massiver in diesen Konflikt hineingezogen", sagt Perl-Böck.

Österreich ist zudem eines der letzten europäischen Länder, in dem es nach wie vor die Verschuldensscheidung gibt. Bei dieser kann ein Ehepartner Scheidung begehren, wenn der andere durch eine schwere Eheverfehlung wie Ehebruch die Ehe schuldhaft so tief zerrüttet hat, dass die Wiederherstellung nicht erwartet werden kann. "In der Politik sind die meisten Stimmen noch immer dagegen, das Verschuldensprinzip abzuschaffen", sagt Perl-Böck. Diskutiert wird es allerdings seit mehr als zehn Jahren. In anderen Ländern geht man von vornherein anders an das Thema heran. In Skandinavien zum Beispiel leben verhältnismäßig mehr Menschen unverheiratet zusammen.

Die Ansprüche sind gestiegen

Dass man in dem Moment, in dem man mit jemandem eine Beziehung eingeht, deren Ende quasi schon mitdenkt und sich leichtfertiger trennt, glaubt Soziologin Zartler aber nicht. "Die Menschen überlegen sich eine Beziehung schon immer noch sehr gut und gehen mit Trennungen nicht lockerer um", sagt sie. Gründe für die hohe Trennungsrate seien zum einen freilich die zunehmende Unabhängigkeit der Frau - Frauen seien auch öfter die treibende Kraft -, zum anderen aber auch, dass die Ansprüche an Beziehungen gestiegen seien. "Man fragt sich: ,War das alles?‘", so Zartler. Unter den Älteren steige die Scheidungsrate weiter an.

Trotz allem wird aber auch nach wie vor fleißig geheiratet - sogar immer fleißiger. Der Statistik Austria zufolge nimmt die Anzahl der Eheschließungen seit einigen Jahren wieder zu. Man wartet aber immer länger, bis man sich dazu entschließt.