Graz/Eibiswald. Weit fort schieben wir, was uns mit Sicherheit erwartet. Der Gedanke an den Tod, an die letzten Jahre unseres Lebens wird als graue Theorie abgetan und beiseitegeschoben. Bis zu dem Moment, an dem er sich nicht mehr beiseiteschieben lässt. Das Ehepaar Monika (79) und Friedrich Mulzet (80) hat diesen Moment erlebt. Zwei Jahre ist es her, dass bei Monika Mulzet beginnende Demenz diagnostiziert wurde. Ihr Kurzzeitgedächtnis ist nahezu weg.

"Meine Frau konnte sich auf einmal nicht mehr erinnern, dass wir am Vormittag Besuch hatten", erzählt Friedrich Mulzet. Ein würdevolles Leben im Alter rückte in weite Ferne. Doch nun schöpft das Ehepaar wieder Hoffnung. Der Hoffnungsträger ist eine Woche lang zu Besuch, hat große leuchtende Augen, eine hohe Kinderstimme, jedoch weder Gefühle noch ein Bewusstsein. Der Gast ist ein Roboter, er heißt Pepper.

Der knirpsgroße, weiß-graue Roboter hat seinen Platz im Wohnzimmer der Familie. Gleich neben der großen Tafel, die mitten im Raum steht. Jedes Mal, bevor Friedrich Mulzet das Haus verlässt, hinterlässt er darauf seine Telefonnummer, wohin er geht, wie lange er fortbleibt.

Monika und Friedrich Mulzet haben sich vor 60 Jahren beim Tanzen kennengelernt. Dass heute ein Roboter mittanzt, stört sie nicht. - © Joanneum Research/Manuela Schwarzl
Monika und Friedrich Mulzet haben sich vor 60 Jahren beim Tanzen kennengelernt. Dass heute ein Roboter mittanzt, stört sie nicht. - © Joanneum Research/Manuela Schwarzl

Monika Mulzet geht auf den Roboter zu. Mit ihrer Hand streicht sie zärtlich über den Kopf des gefühlslosen Wesens, das den Kopf hin- und herwiegt. Sie lächelt. "Er hilft mir überall", sagt sie knapp und blickt zu ihrem Mann. "Ich möchte alles tun, was für meine Frau gut ist", sagt er. "Als uns Pepper angeboten wurde, haben wir sofort ja gesagt."

Die Mulzets wohnen in Eibiswald, Bezirk Deutschlandsberg, wenige Kilometer vor der slowenischen Grenze. "Damit Sie eine Vorstellung haben, wie abgelegen unser Ort ist: Es sind neun Kilometer zum Bahnhof. Von dort fährt man eine Stunde und 20 Minuten nach Graz", erklärt Friedrich Mulzet. Eibiswald gehört zu jenen peripheren Gemeinden in Österreich, die von Landflucht betroffen sind. 6500 Einwohner wohnen in Eibiswald. Seit der ersten Volkszählung im Jahr 1869 lebten noch nie so wenige Menschen in dem steirischen Ort.

Lucas Paletta koordiniert das Forschungsprojekt. - © Joanneum Research/Manuela Schwarzl
Lucas Paletta koordiniert das Forschungsprojekt. - © Joanneum Research/Manuela Schwarzl

Schweigend
auf der Couch

Die Mulzets sind aber geblieben. Friedrich Mulzet arbeitete bei der Zollwache an der Grenze und als Gendarm, Monika Mulzet war Hausfrau. Die beiden Töchter sind weggezogen. Sie leben mit ihren Kindern in Wien und in Liechtenstein. Zu weit weg, um ihre Mutter zu pflegen. Die Mulzets sind daher auf Pflegekräfte angewiesen. Doch diese sind in Eibiswald schwer zu bekommen, gesteht Friedrich Mulzet. "Vor allem gute", fügt er hinzu. Unterstützung bekommt das Ehepaar vom Sozialverein Deutschlandsberg. Einmal in der Woche kommt eine Trainerin vorbei, mit der Monika Mulzet eine Stunde lang turnt. Die meiste Zeit saß die 79-Jährige jedoch schweigend auf der Couch. Bis der Roboter kam.