Wien. Geldstrafen von bis zu 2500 Euro und der Ausschluss vom Kindergarten: Diese Konsequenzen drohen in Deutschland, wo ein Gesetzentwurf zur Impfpflicht gegen Masern vorgelegt worden ist. In Österreich wird das Thema aktuell intensiv diskutiert. Wolfgang Maurer hat sich selbst in der Vergangenheit als "Impfkritiker" bezeichnet - schließlich prüfte der renommierte Biochemiker und Facharzt für Labordiagnostik jahrelang Impfstoffe und verhinderte nicht selten deren Zulassung, wenn diese nicht den wissenschaftlichen Standards entsprachen. Heute übt der langjährige Leiter des Serumprüfungsinstituts (heute in die Ages integriert) heftige Kritik an Impfgegnern, vor allem in der Ärzteschaft, er engagiert sich in der "Vienna Vaccine Safety Initiative". Auch die Ärztekammer nimmt Maurer in die Pflicht.

Die "Wiener Zeitung" hat den Impfspezialisten gefragt, wieso er trotz der Gefahr, die von der steigenden Zahl an Masernfällen ausgeht, dennoch gegen eine generelle Impfpflicht ist, und woher die Konjunktur, die Impfgegner aktuell erleben, herkommt.

"Wiener Zeitung":Impfgegner, das ist ein Phänomen, das besonders häufig in esoterischen oder auch verschwörungsideologischen Milieus zu finden ist - längst aber nicht mehr nur dort. Wieso verbreiten sich solche Einstellungen immer mehr, auch unter Personengruppen, die über einen hohen Bildungsgrad verfügen?

Wolfgang Maurer DDr., ist Biochemiker und Facharzt für Labordiagnostik. Bis 1998 leitete er das Serumprüfungsinstitut, zuletzt erstellte er 2000 den österreichischen Impfplan. An der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde war Maurer für das Impfwesen zuständig, heute engagiert er sich für den Thinktank "Vienna Vaccine Safety Initiative" (www.vi-vi.org). - © privat
Wolfgang Maurer DDr., ist Biochemiker und Facharzt für Labordiagnostik. Bis 1998 leitete er das Serumprüfungsinstitut, zuletzt erstellte er 2000 den österreichischen Impfplan. An der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde war Maurer für das Impfwesen zuständig, heute engagiert er sich für den Thinktank "Vienna Vaccine Safety Initiative" (www.vi-vi.org). - © privat

Wolfgang Maurer:Impfgegner gibt es, seit es Impfungen gibt. Um 1900 herum gab es sogar Impfgegner-Journale, bereits nach der Einführung der Pockenimpfung tauchten teils abstruse Behauptungen auf - beispielsweise, dass Personen, die eine Pockenimpfung erhalten haben, Rinderbeine und Hörner wachsen würden. Esoterische Milieus, vor allem in Internet, sind sicherlich ein Hort der fanatischen Impfgegner. Über soziale Medien, vor allem über Foren für Eltern, verbreiten sich Verschwörungstheorien wie auch falsche Informationen oder Studien aber rasant auch in Milieus, die sonst mit Esoterik nicht viel am Hut haben.

Hochproblematisch sind aber auch Berichte seriöser und breitenwirksamer Medien, die Impfgegner-Thesen und Verschwörungstheorien ungefiltert transportieren. Auf "20min.ch", einem reichweitenstarken Schweizer Online-Medium, wird dem italienischen Impfgegner und "Fünf Sterne"-Aktivisten Gian Paolo Vanoli mit seinen Thesen, Impfen würde Homosexualität zur Folge haben, eine breite Bühne geboten.

Was sind Ihrer Erfahrung nach häufig vertretene Thesen von Impfskeptikern und Impfgegnern?