Wien. Faiz* ist froh, dass ihm endlich jemand zuhört. Er kann von den Raketen erzählen, die in den Straßen einschlugen. Er kann von den Menschen erzählen, die er auf der Straße sterben gesehen hat. Er kann von der Zeit erzählen, in der Lebensmittel knapp waren und er sich mit seiner Familie verstecken musste. Heute hat er den Bürgerkrieg hinter sich gelassen. Er ist durch fünf Länder geflohen. Faiz hat monatelang gelitten. In Österreich sucht er Schutz. Hier fühlt er sich sicher. Doch dann beginnt seine Folter.

September 2015. Im syrischen Aleppo tobt der Bürgerkrieg. Faiz versucht trotz aller Widrigkeiten, ein normales Leben zu führen. Er studiert Wirtschaft. Doch nach drei Jahren Krieg wird es zu gefährlich. Die Armee braucht junge Männer wie Faiz. Er soll eingezogen werden. "Das Militär kämpft gegen das eigene Volk. Ich wollte niemanden umbringen", erzählt Faiz. Er desertiert und verlässt Syrien. Seine Flucht dauert 15 Tage. Er fährt über das Mittelmeer, durchquert fünf Länder, legt tausende Kilometer zurück. Am Ende erreicht er Österreich.

Er kommt in einem kleinen Ort in der Steiermark an, dessen Name er nicht aussprechen kann: Rohrbach. Es gibt keine Beschäftigung, außer spazieren zu gehen. "Wir durften nicht arbeiten", sagt Faiz. Eineinhalb Jahre muss er dortbleiben. Das Warten zermürbt ihn. Die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Sein Körper verändert sich. Es fühlt sich komisch an. Faiz wird nervös, er kann nicht mehr richtig schlafen. Häufig bekommt er Herzrasen, Schwindel, Fieber. "Was ist nur los mit mir?", fragt er sich. Er hofft, die Antwort bei einem Arzt zu finden.

Jeden Tag ein neuer Arzt

Er fährt ins 15 Kilometer entfernte Hartberg ins Spital. Es ist ihm unangenehm. Denn für den Arzttermin muss er sein Interview beim Asylamt absagen. Ein wichtiger Termin. Das Gespräch entscheidet, ob er bleiben darf oder nicht. Der Arzt untersucht seinen Kopf, Magen, Hals. Er findet nichts. Eine Woche muss Faiz im Spital bleiben. "Jeden Tag kommt ein neuer Arzt und verlangt neue Untersuchungen", sagt er. Die Untersuchungen ergeben: nichts. Faiz fühlt sich dennoch krank. Sein Hausarzt schickt ihn zu einem Neurologen. Erneut finden sie keine Ursache für seine Symptome.

"In acht bis zehn Stunden kann man schon viel erreichen. Inder Regel dauert es aber zwei bis drei Jahre, bis es jemandem besser geh", sagt der Psychotherapeut Ernst Feistauer. - © Gregor Kuntscher
"In acht bis zehn Stunden kann man schon viel erreichen. Inder Regel dauert es aber zwei bis drei Jahre, bis es jemandem besser geh", sagt der Psychotherapeut Ernst Feistauer. - © Gregor Kuntscher

Man sagt ihm jetzt, er soll zu einem Psychiater. Der nächste Psychiater ist in Graz. "Nach Graz zu fahren, war die Hölle für mich", sagt Faiz. Er hat unheimliche Angst davor, allein hinzufahren. Wieder leidet er, bekommt einen neuen Arzttermin, neue Medikamente. Sie helfen nichts. Er fühlt sich immer schlechter. "Ich habe in meinem Leben viel schlimme Sachen erlebt. Aber es war furchtbar, dass ich meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle hatte", erzählt er. Sein Herz rast weiter. Er weiß nicht warum.