Mittersill. Schon nach wenigen Metern ist Schluss. In der Nacht ging ein heftiges Gewitter nieder, der Weg ins Obersulzbachtal ist durch eine Steinmure versperrt. Einer der zahlreichen Bäche, die auf ganzer Länge von den steilen Felswänden ins Tal strömen, müsse wohl in der Nacht aus dem Bett getreten sein, erklärt Ferdinand Lainer, stellvertretender Direktor des Salzburger Teils des Nationalparks Hohe Tauern. "Das ist Alltag im Hochgebirge."

Das Obersulzbachtal liegt zwischen dem Tal der Krimmler Ache mit den beeindruckenden, 385 Meter hohen Wasserfällen und dem Untersulzbachtal. Die hier fließenden Gletscherbäche sind noch völlig naturbelassen und unreguliert - dank der Vorschriften und Gesetze des Nationalparks. Das war nicht immer so. "Während früher die Ambitionen der Energiewirtschaft unsere größte Herausforderung waren, geht es jetzt darum, wie wir mit den Fließgewässern und vor allem ihren Außenbereichen, den Auen und Feuchtgebieten, umgehen", erklärt Lainer. Seit mindestens 100 Jahren gibt es Pläne, auch die Fallhöhe der berühmten Krimmler Wasserfälle für die Stromerzeugung nutzbar zu machen - bis hin zu Vorstellungen, man könne die Krimmler Ache so fassen, dass Touristen und Wanderer das einzigartige Naturschauspiel tagsüber bewundern können und das Wasser abends, wenn keine Besucher mehr kommen, einem riesigen Spülkasten gleich "abdrehen" und auf Kraftwerksturbinen umleiten.

Retentionsräume für den Gletscherbach: der natürliche Lauf des Untersulzbachs. - © Nationalpark Hohe Tauern/Sarah Wendl
Retentionsräume für den Gletscherbach: der natürliche Lauf des Untersulzbachs. - © Nationalpark Hohe Tauern/Sarah Wendl

Angst vor dem Hochwasser

Mit derartigen Fantasien müssen sich die Naturschützer, Forscher und Bildungsvermittler im Nationalpark heute nicht mehr herumschlagen. Ihre Arbeit dreht sich heute um das Spannungsfeld zwischen Hochwasserschutz, Almwirtschaft und der Erhaltung des Nationalparks wie der Einhaltung der Natura-2000-Ziele und der EU-Wasserrahmenrichtlinie.

. . .weiter oben im Tal: ursprüngliche Wiesen und Wälder - mit etwas Glück kann man Gämsen oder Steinböcke beobachten. - © Tobias Kaser
. . .weiter oben im Tal: ursprüngliche Wiesen und Wälder - mit etwas Glück kann man Gämsen oder Steinböcke beobachten. - © Tobias Kaser

Für die Bevölkerung im Salzachtal und in den Siedlungen am Talausgang wird Hochwasserschutz immer wichtiger. 2014 und auch 2008 und 2009 hatten die Bewohner dort mit heftigen Hochwassern zu kämpfen. Immer wieder taucht daher die Forderung nach einer Regulierung der Gletscherbäche auf, die aus der Venedigergruppe talwärts stürzen. "Rückstau bringt keine wirkliche Sicherheit, so viel Wasser kann nicht zurückgehalten werden", sagt Naturraummanager Lainer. Am Talausgang des Obersulzbachtals gibt es bereits eine bauliche Maßnahme, diese soll vor allem das Geschiebe genannte, vom Fluss mittransportierte Gestein zurückhalten. Wasserkraftwerke und Stauanlagen sind per Gesetz verboten, Ausnahmen gibt es nur für Kleinwasserkraftwerke zur Versorgung von Almen und Schutzhütten. Statt Regulierungen setzt der Nationalpark auf andere Methoden: Die Ufer der Bäche, auch unten jene der Salzach, sollen ihren natürlichen Retentionsräume zurückerhalten bzw. sollen jene geschützt oder, wo möglich, ausgeweitet werden. Im rund 16 Kilometer langen, steil abfallenden Obersulzbachtal sind diese natürlichen Schwemmgebiete besonders wichtig.