Wien. "Wien darf nicht Chicago werden." Mit diesem Slogan bestritt die FPÖ ihren Wahlkampf vor den Gemeinderatswahlen am 10. November 1991: die Stadt Chicago als Hollywood-Synonym für steigende Kriminalität, hervorgerufen durch zunehmende Migration. Und weil sich dieser städtevergleichende Slogan so erfolgreich in die Köpfe der Wienerinnen und Wiener eingebrannt hatte, wurde er immer wieder bedient: 1996 hieß es dann: "Wir bleiben dabei: Wien darf nicht Chicago werden" - und 2005 wurde für die FPÖ aus Chicago schließlich Istanbul.

Städtevergleiche eignen sich immer wieder hervorragend, um politisches Kleingeld zu wechseln. In jüngster Zeit greifen aber auch immer wieder andere Berufsgruppen - neuerdings sind es Klimatologen und Meteorologen - zu diesem Mittel, um Dinge anschaulicher zu machen - aber auch, um in die Schlagzeilen zu kommen. So wurde etwa vor kurzem während der jüngsten Hitzeperiode in den Nachrichten eines Radiosenders verkündet: Wien wird zum Senegal - zumindest was die Temperaturentwicklung in den kommen 20 Jahren anbelangt. Wie warm es im Senegal ist, wurde dem Zuhörer allerdings nicht verraten. Ein Blick ins Internet zeigte: Es war zu dem Zeitpunkt dort kühler als in Wien.

80 Prozent der Städte betroffen

Vorige Woche wurde die Bundeshauptstadt dann plötzlich zu Skopje - und London zu Barcelona, Madrid zu Marrakesch, Stockholm zu Budapest, Turin zu Dallas, Moskau zu Sofia, Seattle zu San Francisco usw. Denn laut Berichten im britischen "Guardian" und anderen internationalen Zeitungen sollen laut Berechnungen von Wissenschaftern bis 2050 etwa 80 Prozent der großen Städte weltweit von drastischen Veränderungen infolge der Klimaerwärmung betroffen sein.

Angesprochen auf die Seriosität solcher Vergleiche, reagieren heimische Meteorologen und Klimaforscher distanziert. "Der Artikel sagt aus, dass die durchschnittliche Höchsttemperatur zwischen 1850 und 2050 in Wien um 7 Grad ansteigt. Von jetzt weg bis 2050 ist es wahrscheinlich nur die Hälfte", erklärt etwa Florian Pfurtscheller vom Wetterdienst Ubimet.

Wenn man dieses Relationenspiel noch zusätzlich um Vergleiche mit bekannten Urlaubszielen erweitert, wird die Emotionen erzeugende Schlagzeile wirksam, der Skandalmodus aktiviert und das Kopfkino zum Krimi. Ob nun Wien eher zum Senegal wird oder zu Skopje, spielt dann keine Rolle mehr. "Wenn es zehn Studien zu diesem Thema gibt, werden Sie zehn unterschiedliche Ergebnisse erhalten", meint der Meteorologe. Aber grundsätzlich sei ein Vergleich mit Skopje treffender, da sich der Senegal in den Tropen befinde, und dort sei es eigentlich gar nicht so heiß, dafür aber sehr feucht. Auch der Umstand, dass die subtropische Zone - also das Mittelmeerklima - mehr nach Norden wandere, mache den Skopje-Vergleich im wahrsten Sinne des Wortes naheliegender.