Salzburg. "Ich bin das, was man ein Praterkind nennt. Ich habe unglaublich viel Zeit im Prater verbracht und dort auch ein paar Tricks gelernt, die mir später noch nützlich waren", erzählte Marko Feingold kurz vor seinem 103. Geburtstag in einem Interview mit der "Wiener Zeitung".

Später, das waren unter anderem die frühen 1930er-Jahre, als der gelernte kaufmännische Angestellte in der Wirtschaftskrise seine Arbeit verlor und sich danach mit seinem Bruder jahrelang in Italien als fliegender Händler durchschlug. Und nach eigenen Erzählungen auf einem Fischerboot sogar Benito Mussolini traf.

Später, das war auch der Februar 1938, als er kurzfristig nach Wien zurückkehrte, um seinen Pass zu verlängern, und wenige Wochen später aus seiner Heimatstadt flüchten musste. Gemeinsam mit seinem Bruder war Feingold in Wien festgenommen und tagelang verhört worden. Er konnte sich aber irgendwie nach Prag absetzen. Die anfangs noch geschickte Flucht ins Nachbarland mit falschen Papieren ging jedoch schief.

Flucht nach Prag

Die Gebrüder Feingold hatten in Prag für einen Deutschen gearbeitet, der von Juden verlassene Wohnungen bewerten sollte. Sie setzten diese Werte zu hoch an. "Es hieß damals, in ein paar Wochen ist eh alles vorbei", sagte Feingold einmal. Die höheren Werte sollten allfälligen Wiedergutmachungen dienen. Doch der kleine Schwindel sollte auffliegen und die beiden Brüder nach Auschwitz deportiert werden. Über die Konzentrationslager Neuengamme und Dachau wurde Marko Feingold 1941 nach Buchenwald gebracht, wo er bis zur Befreiung durch die Amerikaner überlebte – mit am Ende nur noch 30 Kilogramm. Sein Bruder wurde ermordet.

"Ich glaube nicht an Wunder. Trotzdem muss ich sagen, mir sind eine Menge Wunder widerfahren", sagte er. Im Konzentrationslager hatte Feingold auch eine vielleicht einst im Prater erworbene Fähigkeit genützt: Er baute einen Tauschhandel auf, drehte aus Zigarettenresten neue Zigaretten und tauschte sie gegen Brot.

Hilfe für Tausende jüdische Displaced Persons

Nach der Befreiung landete Feingold, wie Tausende andere KZ-Häftlinge, in Salzburg. Er blieb und half anderen Juden, die in den Lagern für Displaced Persons in Salzburg waren, nach Palästina zu gelangen.

Drei Jahre nach dem Krieg eröffnete Feingold, der einst in Italien mit dem Verkauf von Bohnerwachs so gut verdiente, dass er sich mit feiner italienischer Mode einkleiden konnte, das Geschäft "Wiener Mode". Er behielt es bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1977. Danach wurde er erst Vizepräsident, zwei Jahre später Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg.

Anfangs noch bei der SPÖ aktiv, verabschiedete sich Feingold schon in den 50er-Jahren von der Sozialdemokratie aus Enttäuschung über Karl Renner und dessen Antisemitismus und dessen Verhalten den jüdischen Rückkehrern gegenüber.

Vor allem in den vergangenen Jahren war Feingold als Zeitzeuge sehr engagiert. Im Jahr 2000 hatte er seine Autobiografie "Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh" veröffentlicht und danach zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Am Donnerstag ist Österreichs ältester Holocaustüberlebender an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Marko Feingold wurde 106 Jahre alt. (sir)