"Das ist grober Schwachsinn", ärgert sich etwa der Meidlinger Bezirksrat Franz Schodl ("Pro Hetzendorf"), im Zivilberuf Lehrer, und zitiert eine Textprobe aus der geschlechtsneutral umgeformten Geschäftsordnung: "Ist der oder die Vorsitzende verhindert, so wird er oder sie durch von ihm oder ihr bestimmten Stellvertreter oder durch die von ihm oder ihr bestimmte Stellvertreterin vertreten. " Allein dieser Satz (29 Wörter) werde laut Schodl durch die Abänderung gegenüber der bisherigen Schreibweise um 15 Wörter länger, "das ist mehr als die Hälfte, und das geht in diesem Stil weiter", wettert der Bezirksrat.

In den Ministerien ist man schon einen Schritt weiter - leider in Richtung Verkomplizierung: Dort wurden Gesetzestexte bereits weitläufig mit dem sogenannten Binnenmajuskel (oder Binnen-I) versehen. Was zur Folge hat, dass diese Texte etwa im Internet von Blinden oder sehbehinderten Personen nicht mehr gelesen werden können. Die Braille-Schrift, die großteils auf Kleinbuchstaben - wie im Englischen - basiert, weist alle Wörter mit -Innen als Rechtschreibfehler aus. Als blind oder sehbehindert gelten fast zwei Prozent der Bevölkerung.

"Grobe Benachteiligung"

"Ganz abgesehen davon, dass das eine grobe Benachteiligung für zigtausende Menschen ist, sind auch wir Juristen verzweifelt über diese Art der Sprachverwirrung. Immer mehr ohnehin schon komplizierte Schriftstücke werden dadurch immer unlesbarer", formuliert es der Präsident des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (ÖBSV) Gerhard Höllerer, der auch als Jurist arbeitet.

Eine entsprechende Parlamentarische Anfrage einiger FPÖ-Abgeordneter an den Nationalrat und einzelne Ministerien ergab unterschiedlichste Antworten: So sieht etwa Verkehrsministerin Doris Bures (SPÖ) durchaus "Nachbesserungsbedarf" der Texte bezüglich Barrierefreiheit gegenüber Sehbehinderten.

Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) verweist auf ein internes Papier, das die Vermeidung des Binnenmajuskels empfiehlt. Im Umweltministerium von Nikolaus Berlakovich (ÖVP) hält man wiederum am "Leitfaden geschlechtergerechtes Formulieren" fest und überlässt allfällige Fehlerbehebungen den Bürgern (beiderlei Geschlechts).

Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) lässt das Problem gerade von einem externen Verein prüfen und will sich dessen Empfehlungen beugen. Allein Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) distanziert sich klar vom Binnenmajuskel.

Umso spannender erwarten Experten die bisher noch nicht erfolgten Antworten der Bildungsministerin Claudia Schmied sowie der Frauen- und Beamten-Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek ( beide SPÖ).

Germanisten entsetzt

Wörterbuch-Gestalter und Germanist Hermann Möcker warnt vor sprachlichen Auswüchsen dieser Art: "Solche Bestrebungen entspringen ja keiner sachlichen Notwendigkeit, sondern der krampfhaften Suche politischer Kreise nach Revolutionspotenzial. Dabei müsste jeder grün denkende Mensch so etwas allein aufgrund des enormen Papier-Mehrverbrauchs ablehnen", analysiert Möcker.

Auf der Strecke bleibe dabei die Sprache selbst, "weil sie so sperrig und unverwendbar wird, dass sich in der Praxis noch mehr englische Vereinfachungen einschleichen werden".