Der Bau des Riesenrades im Wiener Volksprater, 1897. - © Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek / Sammlung Horky
Der Bau des Riesenrades im Wiener Volksprater, 1897. - © Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek / Sammlung Horky

Neben dem Stephansdom gilt zweifellos das Riesenrad als wichtigstes Wahrzeichen Wiens. Es ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und kaum jemand weiß heute noch, wie lange es schon im Wurstelprater steht. Obgleich dem Riesenrad in der Volksmeinung eine urwienerische Qualität zukommt, ist dieses eigentlich ein fremdländischer Import. Aber wie man hierzulande so schön sagt, sind die "Zug'reisten" sowieso meist "die besseren Wiener". Genau so verhält es sich auch mit dem allseits beliebten Wahrzeichen!

Das turmhohe Wiener Rad ist keineswegs das erste Fahrwerk seiner Art gewesen. Als 1893 in Chicago die Weltausstellung stattfand, wurde zu diesem Anlass als weltweit erstes Riesenrad "The Ferris Great Wheel" errichtet, das mit einer Höhe von etwa 88 Metern die spätere Variante im Wiener Prater um mehr als 20 Meter übertraf. Die Idee dazu stammte von einem amerikanischen Marineoffizier namens Graydon.

Ebenfalls ein Marineoffizier, jedoch ein englischer, sorgte für den Bau des zweiten Riesenrades, und zwar der aus einem normannischen Adelsgeschlecht stammende Walter B. Basset, dem in seiner Jugend manch eine Heldentat nachgesagt wurde. Unter anderem soll er als Sub-Lieutenant im Dienste der königlich englischen Flotte ohne zu zögern ins Meer gesprungen sein, um einen Schiffsmaschinisten vor den Haien zu retten. Allerdings hatten den schneidigen Soldaten seine tollkühnen Taten scheinbar etwas überstrapaziert, da er sich schon 23jährig infolge seines labilen Gesundheitszustandes aus dem aktiven Dienst der Navy zurückzuziehen genötigt sah und den Beruf eines Ingenieurs anstrebte.

Nach einer steilen Karriere und leitender Tätigkeit in einer Fabrik für Schiffsdampfkessel dürfte er eine Reise nach Amerika unternommen haben, denn ein Jahr nach der Errichtung von "Ferris Great Wheel" projektierte er für London sein eigenes Riesenrad und gründete zu diesem Zweck die Firma "Earl's Court Great Wheel Company Limited". Als Konstrukteur beauftragte er seinen Mitarbeiter H. Cecil Booth. Noch zu Beginn gab es technische Probleme mit dem Antrieb des Riesenrades. Wie berichtet wird, funktionierte anfänglich der Kettenantrieb nicht richtig, was zunächst zu einem Stillstand während der Fahrt führte. Sieben Stunden lang konnte man das Riesenrad nicht in Gang bringen, weshalb die Gesellschaft kühne Kletterer beauftragte, um die Insassen der vollbesetzten Waggons mit Lebensmitteln zu versorgen. Als diese endlich aus ihrer misslichen Lage befreit werden konnten, erhielt jeder von ihnen einen Pfund Schmerzensgeld. Allerdings gab es nach einer raschen Umrüstung keinerlei Probleme mehr und schon wenig später folgte der Bau des "Gigantic Wheel" in der nördlich von Manchester gelegenen Stadt Blackpool, das nun ebenso tadellos lief.