Schuld an der alarmierenden Situation dürfte neben Armut, zusammenbrechenden Gesundheitssystemen und Mangelernährung vor allem der soziale Stress während der Transformationszeit gewesen sein, wie der Leiter der Studie, Bernhard Felderer vom Institut für Höhere Studien (IHS) am Donnerstag gegenüber den Medien erklärte.

Die Studie erfolgte im Auftrag der Europäischen Kommission. Besonders stolz ist man im IHS über die Tatsache, dass man sich hier in einem Wettbewerb gegenüber zahlreichen Instituten weltweit durchgesetzt hat. Die Erhebung erfolgte im Oktober und November des Jahres 2001. Das Forscherteam hat in acht GUS-Staaten insgesamt 18.428 Personen über 18 Jahre in persönlichen Interviews am Wohnort zu den Themen Gesundheit und Lebensbedingungen befragt. Die repräsentative Untersuchung deckt damit 85 Prozent der Einwohner der Nachfolgestaaten der UdSSR ab.

Frappant war die Entwicklung der Lebenserwartung in der Zeit zwischen 1985 und dem Jahr 2000 in Russland, der Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Georgien, Armenien, Kasachstan und Kirgisien. Während die Lebenserwartung von Männern in der EU zwischen 1985 und dem Jahr 2000 von etwa 72 auf etwa 75 Jahre stieg, reduzierte sie sich in Russland von etwa 65 Jahren im Jahr 1986 (bis dahin gestiegen) auf etwa 58 Jahre im Jahr 1994, sie dürfte im Jahr 2000 bei weiterhin unter 61 Jahren gelegen sein. Bei den Frauen stieg die Lebenserwartung in der EU zwischen 1985 und dem Jahr 1999 von etwa 79 auf fast 82 Jahre. In den GUS-Staaten blieb die Lebenserwartung der Frauen mit einer Bandbreite zwischen 70 und 75 Jahren in dem Zeitraum in etwa gleich.

Keine Lebensperspektiven

Felderer: "Wir haben auch erfragt, ob die Leute über gesundheitsrelevante Faktoren Bescheid wissen. Die Menschen wissen genau, dass das Rauchen, das Trinken, regelmäßige Bewegung und andere Faktoren wichtig sind. Am Wissen liegt es nicht." Doch der gesellschaftliche Umbruch und der weiterhin starke Mangel an Lebensperspektive würden eindeutig gesundheitsschädigend sein. Der IHS-Chef: "Der Stressfaktor hat vor allem die Männer getroffen." Die Frauen in den GUS-Staaten seien offenbar besser mit den Veränderungen zu Rande gekommen. Zum Vergleich: Der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen beträgt in der EU durchschnittlich fünf Jahre, in Russland beispielsweise ist er auf zwölf Jahre angewachsen.

Engere Ursache für die extrem gesunkene Lebenserwartung ist laut Felderer eine starke Zunahme von Herz-Kreislauferkrankungen, wie etwa Herzinfarkte, von denen vor allem Männer zwischen 40 und 50 Jahren betroffen seien. Felderer wies in diesem Zusammenhang auf die massiven wirtschaftlichen Implikationen dieser Tatsache hin: Immerhin handle es sich hier nicht um das Hinscheiden von Pensionisten, die dem Staat bekanntlich Geld kosten, sondern um Männer im besten arbeitsfähigen Alter.

Dass die Belastungen, die der Systemwechsel mit sich gebracht hat und die für die Stress-Zunahme verantwortlich sind in den kommenden Jahren abnehmen könnten, glauben die Bewohner der ehemaligen UdSSR kaum: Allein in Russland gaben über 36 Prozent der Befragten an, sie wüssten nicht, wie sie und ihre Familien in fünf Jahren ökonomisch dastehen würden. An eine signifikante Verbesserung der Lebensverhältnisse glaube in Russland nur magere 1,7 Prozent. Einziger Lichtblick: Über 45 Prozent sind der Ansicht, dass sich die Dinge wenigstens graduell zum Besseren wenden werden, oder zumindest gleich bleiben.

Für die mehr als 100 an der Studie beteiligten Experten ist eine Verbesserung der gesundheitlichen Lage in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion am ehesten durch Fortschritte in der materiellen Versorgung vorstellbar.