Für zwei Tage begab sich die "Wiener Zeitung" auf die Spuren von Bio-Bauern und half für freie Kost und Logis im landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Schmidt in Neudorf Bei Staatz im Weinviertel mit.

Die Erde auf dem Acker ist feucht und klumpig und muss von den Erdäpfeln runtergeputzt werden. "Normalerweise machen wir das nicht händisch", erklärt die 50-jährige Bäuerin. Aber in diesem Jahr sei der Boden vom vielen Regen so feucht, dass die Maschine die Erdäpfel nicht aus der Erde holen könne.

Maria stört das nicht. Sie empfindet Ernten und Pflücken als meditativ und kann sich "nichts Schöneres vorstellen, als draußen zu arbeiten". "Wir arbeiten immer, bis es dunkel wird", sagt sie und erntet ob dieser Tatsache ungläubige und auch besorgte Blicke. Denn den städtischen "Wwoofer" plagt schon nach einer halben Stunde Feldarbeit der Rücken - längst ist die anfängliche Ernte-Motivation verflogen.

Die Müllentsorgung übernehmen die vier Schweine. Foto: flor
Die Müllentsorgung übernehmen die vier Schweine. Foto: flor

Immer wieder werden die vollen Kübel in große Netze geleert und in den zehn Meter entfernten VW-Bus getragen. "Die sind für den Ab-Hof-Verkauf bestimmt", erklärt Maria Schmidt.

58 Hektar umfasst die Landwirtschaft der Schmidts. Bewirtschaftet wird es lediglich von Maria, ihrem Mann Andreas und einer Zwanzig-Stunden-Kraft. Ein bisschen würden auch die Schwiegereltern und wenn notwendig die fünf, mittlerweile erwachsenen, Kinder mithelfen, erzählt Maria. Neben Erdäpfel und den unterschiedlichsten Getreidesorten werden auf den Feldern auch zahlreiche Gewürze, wie Kümmel oder Amaranth angebaut. Auch Linsen, Bohnen, Zwiebel und viele andere Gemüse- und Obstsorten gedeihen bei den Schmidts. Ihre Bio-Produkte, worunter auch selbst gebackenes Brot und selbst gemachte Nudeln fallen, verkaufen sie an direkte Großabnehmer und an Bauernläden.

Große Erschöpfung

Nach drei Stunden Kartoffel-Ernte machen sich bei den "Wwoofern" ernste Erschöpfungserscheinungen breit, zudem quälen Hunger und Durst. Verständnisvoll wirft Maria den alten VW-Bus an - es geht in das ein paar Kilometer entfernte Haus der Schmidts. Hell, geräumig und lediglich aus Holz, Stroh und Lehm gefertigt, bedient es so gar nicht die Klischees vom Bauernleben. Gierig macht man sich über das Abendessen her, zu dem Brot und verschiedene Aufstriche - alles selbst gemacht, versteht sich - kredenzt werden. Maria und Andreas hingegen machen noch lange nicht Feierabend - zu viel Arbeit will noch erledigt werden.

Die Bio-Bäuerin Maria Schmidt liebt die Arbeit in der Natur. Ihr oberstes Ziel ist die Selbstversorgung. - © Flori/Wiener Zeitung
Die Bio-Bäuerin Maria Schmidt liebt die Arbeit in der Natur. Ihr oberstes Ziel ist die Selbstversorgung. - © Flori/Wiener Zeitung

1988 haben die beiden beschlossen, auf "Bio" umzusteigen. "Alles andere hat für mich einfach keinen Sinn gemacht. Es geht doch auch ohne Gift", erzählt Maria nach Einbruch der Dunkelheit am großen Holztisch in ihrer Wohnküche sitzend. Angebaut wird daher nur mit eigenen Samen. Denn so können alte Sorten erhalten werden. Und keinesfalls will man sich dem Preisdiktat von Saatgut-Konzernen unterwerfen.

"Mein oberstes Ziel ist aber die Selbstversorgung", sagt Maria lächelnd. Gegessen wird bei den Schmidts daher immer das, was der Boden gerade hergibt. Zur Müllverwertung - und ab und zu auch für Fleischgerichte - dienen vier Schweine und vier Kühe.

Wie anstrengend körperliche Arbeit ist, weiß man nun - gut, dass am nächsten Tag "nur" verdorrte Blüten abzuschneiden sind, die den Samen für gelbe Karotten liefern.

Schon seit fünfzehn Jahren sind "Wwoofer" bei Maria und Andreas regelmäßig zu Gast. "Es ist eine gute Möglichkeit für Leute, die einmal hinter die Kulissen schauen wollen", findet Andreas. Als Belastung empfinden die Schmidts ihre Anwesenheit dabei nicht: Man passe sich schließlich nicht an sie an. "Es ist einfach eine schöne Erfahrung, andere Sichtweisen kennenzulernen und sich auszutauschen", meint Maria. "Und vielleicht geht man mit den Lebensmitteln auch verantwortungsvoller um, wenn man weiß, woher sie kommen und wie viel Arbeit in ihrer Produktion steckt", fügt sie hinzu.

Wissen: Wwoof

"Wwoof" - die Abkürzung steht für "Were welcome on organic farms" - ist ein im Jahr 1971 in England gegründetes Netzwerk für freiwillige Helfer auf biologischen Bauernhöfen. Landwirtschaftlich Interessierte können durch die "Wwoof-Hof-Listen" Kontakt zu Bio-Bauern aufnehmen und gegen Mithilfe im bäuerlichen Betrieb freie Kost und Logis in Anspruch nehmen. Der Austausch zwischen Stadt und Land und Jung und Alt steht dabei im Vordergrund. Zur Dauer des Aufenthalts und der Intensität der Mithilfe gibt es keine fixen Vorgaben. Seit 1996 gibt es eine eigenständige "Wwoof-Österreich-Gruppe", der 220 Höfe und 600 Mitglieder angehören.