Wien. "Trauer, Wut, Enttäuschung" beschreibt ein Besetzer seine Gefühle nach der polizeilichen Räumung des Hauses in der Lindengasse. Er hatte gehofft, hier würde ein Sozial- und Kulturzentrum nach Vorbild des Amerlinghauses entstehen. Der Mann, der namentlich nicht genannt werden will, hat in den vergangenen vier Wochen viel Zeit in dem "Epizentrum" genannten Gebäude im 7. Bezirk verbracht. Ihm fehlen selbstverwaltete Räume in Wien, er spricht von einer "wunderbaren Zeit" und "viel kreativer Energie", die während der Besetzung freigesetzt wurde.

Freude herrscht hingegen bei einigen Anrainern: Wolfgang Hlustik wohnt gegenüber dem leer stehenden Buwog-Haus und fragt: "Warum wurde erst jetzt geräumt?" Ihn ärgern Medienberichte vom "guten Verhältnis zur Nachbarschaft", er habe das ganz anders erlebt. Auf persönlichen Kontakt mit den Besetzern habe er zwar keinen Wert gelegt, so der Anrainer zur "Wiener Zeitung". Ihn störten Lärm und Müll, die sich in der Lindengasse in den letzten Wochen gehäuft hätten.

Auch Polizeisprecher Roman Hahslinger spricht von vermehrten Anzeigen wegen Sachbeschädigung seit dem 14. Oktober. Er möchte dies jedoch nicht in Zusammenhang mit den Besetzern bringen – doch immer wieder gab es in dem Haus auch Feiern mit bis zu 100 Menschen, und da sei ein Zuwachs an Vandalismusdelikten die Regel. Vor einer knappen Woche hatte die Buwog (Bundes-Wohnungsgenossenschaft), Eigentümerin des Hauses, den Strom in dem Haus abgedreht und den etwa 30 verbliebenen Aktivisten eine Frist gesetzt. Da diese nicht wahrgenommen wurde, kam es am Dienstagvormittag zur friedlichen Räumung.

Die Polizei fuhr gegen 11 Uhr mit Lautsprecherwagen vor das Gebäude und forderte die Besetzer auf, das Haus zu verlassen. Nachdem dieser Aufforderung niemand nachkam, marschierten die Einsatzkräfte in das Haus. "Das ist alles super korrekt abgelaufen", sagt Buwog-Sprecher Thomas Brey, der bei dem gesamten Einsatz dabei war.
Über 100 Einsatzkräfte und WEGA räumten das Haus
Mehr als 100 Polizisten, darunter Beamte der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA), waren an dem Einsatz beteiligt.

Die Hausbesetzer leisteten keinen Widerstand und wurden "hinausbegleitet", so Polizeisprecher Hahslinger. Der Einsatz wurde von der Polizei mittels Videoaufzeichnung dokumentiert. Es gab rund 30 Identitätsfeststellungen, keine Festnahmen und keine gewalttätigen Handlungen. Das Klirren von Glas sei bei der Beseitigung von Barrikaden entstanden, sagte der Polizeisprecher.

Der Maler und Anstreicher Amo Gökmen beobachtete den gesamten Einsatz von der gegenüberliegenden Straßenseite aus und erzählt, er sei "enttäuscht, dass die Besetzer so schnell aufgegeben haben". Einige von ihnen seien maskiert gewesen, er bestätigt, dass die Räumung ohne Gewalt vonstatten ging. Danach waren etwa 50 Demonstranten weiter Richtung Neubaugasse gezogen.
E-Mail-Service für Gegenstände der Besetzer

Viele persönliche Gegenstände der Besetzer befinden sich noch in der Lindengasse. Hierfür will die Buwog einen E-Mail-Service einrichten und einen Container mit dem Hab und Gut zur Verfügung stellen. "Es war uns wichtig, das so korrekt wie möglich zu Ende zu bringen", sagt Buwog-Sprecher Thomas Brey. Er erzählt, er habe sich um eine Lösung ohne polizeiliche Räumung bemüht, aber keine Bereitschaft seitens der Aktivisten erkennen können. Schwierig sei bei den Gesprächen gewesen, dass es keine verlässlichen Vertreter gab und man nie wusste, ob das Vereinbarte auch für alle gelte.

Die Buwog hatte den Besetzern ein Ultimatum bis 2. November gestellt, das Gebäude freiwillig zu räumen. Dieses verstrich ohne Ergebnis. Bemühungen der Stadt, zu einer Einigung zu kommen, scheiterten ebenfalls. Die Buwog ist froh, dass die Besetzung nun zu Ende ist. "Wir sind aber nicht froh, dass es zu einer polizeilichen Räumung gekommen ist", so Brey.

Nun soll das Haus bewacht werden, damit niemand mehr erneut eindringen kann. Die Buwog hatte das Gebäude im Frühjahr gekauft, es sei erst einige Monate lang leer gestanden, so Brey. Nun soll es im Frühjahr abgerissen werden und einem Wohnhaus Platz machen. Via Twitter wurden weitere Demonstrationen für Dienstagabend angekündigt.