Wien. Als "völlig unangemessen" bezeichnete der Menschenrechtssprecher der Wiener Grünen, Klaus Werner-Lobo, den Polizeieinsatz vom Dienstag zur Räumung des besetzten Hauses in der Lindengasse 60: "100 Polizisten, 30 Polizei-Einsatzfahrzeuge, ein Panzerfahrzeug, ein Helikopter und großräumige Absperrungen zur Räumung von 30 friedlichen Besetzern sind wohl mehr als überzogen und eine sinnlose Verschwendung von Steuergeld."

"Wir setzen uns in der Stadtregierung künftig verstärkt für die kulturelle Zwischennutzung von leerstehenden Gebäuden ein", kündigte der Politiker an. Das schließe auch subkulturelle Bewegungen mit ein. "Schließlich sind international anerkannte Kulturinstitutionen wie das Wiener WUK oder die Arena auch aus Hausbesetzungen hervorgegangen", so Werner-Lobo.

Tatsächlich hat es Dienstagabend vier Festnahmen gegeben. So ganz friedlich dürfte es aber nach Angaben der Polizei nicht zugegangen sein: Laut Polizeisprecherin Regina Steyrer zogen rund 100 bis 120 Demonstranten über den Äußeren und Inneren Gürtel und die Burggasse Richtung Zentrum. In der Neubaugasse ging eine Auslagenscheibe zu Bruch. Laut Exekutive flogen auch einige pyrotechnische Gegenstände. Die Exekutive kesselte den Zug ein und nahm vier Aktivisten fest - als Begründung wurden verwaltungsstrafrechtliche Delikte angeführt. Die vier Personen befanden sich am Mittwoch bereits wieder auf freiem Fuß, so die Polizei.

Amerlinghaus vor dem Aus?


Hausbesetzer haben es in Wien nicht leicht - Erfolgsgeschichten gibt es abgesehen vom WUK, der Arena und dem Amerlinghaus nicht viele. Letzteres, das bis heute als alternatives Kultur- und Kommunikationszentrum geführt wird, war im Übrigen das erste besetzte Haus in Wien. Und ausgerechnet diesem könnte nun auch bald das Aus drohen: "Die Gehälter der Angestellten werden nicht mehr bezahlt, in Teilen des Hauses gibt es keinen Strom mehr. Bereits Anfang Sommer konnte eine Räumungsklage nur knapp abgewehrt werden", erklärt Sprecherin Renate Nahar.

Tatsächlich verhandelt das Amerlinghaus mit der Stadt seit Jahren um mehr Geld. Dass die Stadtregierung vorhabe, das Haus in dieser Form aufzulösen und es der Gesiba zur Verwertung zu übergeben, wie Nahar das behauptet, stimme nicht. "Räumungsklage gibt es auch keine, es müsste allerdings längst eine eingebracht werden", so die Leiterin der MA 13 (Bildung und Jugendbetreuung) Martina Schmied.

Denn der Verein dürfte schon seit längerem mehr Geld ausgeben als er hat. "Das ist so, wie wenn Sie 2200 Euro verdienen, aber glauben, dass Ihnen 2500 zustehen und sie ausgeben", so Schmied. Gegenüber anderen 70 Wiener Vereinen, die im Rahmen bleiben und abrechnen können ist das laut Schmied nicht fair. Gemeinsam mit dem Vereinsvorstand werde aber gerade an einer Lösung gearbeitet, versichert die MA-13-Chefin.