Erwin Ringel (1921 bis 1994) schließlich - 1939 für einige Wochen von der Gestapo festgenommen und im Krieg beinahe in die Fänge der Militärgerichtsbarkeit gekommen - arbeitete 1953 bis 1964 als Leiter der Frauenabteilung der Universitätsklinik für Psychiatrie. Dafür berufen worden war der ehemalige NS-Gegner durch Hoff. 1954 begann er mit dem Aufbau der ersten Station für Psychosomatik. Gleichzeitig wurde er zum führenden Suizidforscher und Aktivisten zur Verhütung von Selbstmorden. Außerdem baute er den während der NS-Diktatur verbotenen Verein für Individualpsychologie wieder auf.

Gegen Zwangs- und Langzeitunterbringung: Stacher und Rudas
Freilich, trotz der Fortschritte der Wiener Universitäts-Psychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg bedurfte es erst der Reformen des damaligen Wiener Gesundheitsstadtrates Alois Stacher und seines Mitstreiters, des Psychiaters und Psychoanalytikers Stephan Rudas, ab 1980, um die Psychiatrie wirklich menschengerecht zu machen und Zwangs- und Langzeitunterbringung zurück zu drängen. 1979 gab es in Wien noch 3858 stationäre Psychiatrie-Betten, 2008 waren es nur noch 635. Erst damit hatte das düstere Kapitel der NS-Psychiatrie ihren Schlusspunkt erhalten, auch wenn die "Affäre" um den Gerichtspsychiater Heinrich Gross ("Spiegelgrund") damals noch gar nicht so richtig bekannt geworden war. Den kannten alle Wiener Psychiater bereits in den 1960er-Jahren.