Wirtschaftspsychologe


Hoffmann: Benzin-Boykott ist einfach. Foto: TU-Dresden
Wirtschaftspsychologe

Hoffmann: Benzin-Boykott ist einfach. Foto: TU-Dresden

Gerade weil Benzin boykottiert wird, ist es für Verbraucher relativ einfach, daran teilzunehmen. Es ist ein kleinerer Aufwand, zur nächsten Tankstelle zu fahren. Wenn es um andere Produkte geht, bei denen es schwierig ist, auf das Produkt zu verzichten, dann nehmen Verbraucher nicht so gerne daran teil.

Unter den Konzerndächern verbergen sich oft Markengeflechte. Ein Durchblick ist schwierig, was wohl auch die Kaufverweigerung erschwert?

Es ist wirklich ein großes Problem, dass viele Marken nicht dem Konzern zuordenbar sind. Es gab vor vier Jahren in Deutschland den Boykott von Electrolux-Produkten, wo es darum ging, das AEG-Werk nach Polen zu verlagern. Die Organisatoren haben eine Liste mit rund 36 Marken unter die Verbraucher gebracht, um sie aufzuklären. Die meisten Konsumenten sind jedoch nicht gewillt, sich so tief damit zu beschäftigen, sondern möchten einfach ein Zeichen setzen.

Was ist mit AEG passiert?

Die Verlagerung fand statt, es wurden aber die Sozialpläne nochmals überarbeitet. Auch der Nokia-Boykott 2008 in Deutschland konnte die Verlegung der Arbeitsplätze nach Osteuropa nicht stoppen.

Seit Jahren wird die große Macht der Konsumenten beschworen - warum wird sie nicht stärker ausgeübt?

Der Boykott muss organisiert werden, ein Einzelner kann nicht viel anrichten. Die Konsumenten beteiligen sich daran, wenn die Medien darüber berichten - die emotionale Ladung flacht aber schnell ab, sobald ein Thema aus den Medien verschwindet. Bei Nokia war zuerst ein großer Aufschrei. Ich hatte dann aber den Eindruck, dass die Verbraucher nicht mehr auf ein von ihnen eigentlich geschätztes Produkt verzichten wollten, für das es für sie kein gleichwertiges Substitut gab.

Kommen die Medien ihrer Bringschuld in Sachen Konsumenten-Information ausreichend nach?

Bei größeren Aktionen sind die Medien genügend beteiligt. Es geht nicht darum, dass die Medien zum Boykott aufrufen, sondern dass die Medien überhaupt über den Vorfall berichten. Die negative Presse bringt bereits einen Imageschaden - es geht nicht darum, wie groß der Boykott ist.

Ist der Konsument in einer "Geiz ist Geil"-Gesellschaft noch bereit, unfaire Produkte zu boykottieren und höhere Preise für faire Alternativen zu zahlen?

Es gab vor kurzem eine Studie, die gezeigt hat, dass es eine moralische Äquivalenz gibt. Das heißt, wenn jemand in einem Bereich etwas Gutes tut, macht er im anderen etwas weniger Positives. Es geht darum, sich vor sich selber zu rechtfertigen. Es gibt ein Bewusstsein bei den Verbrauchern, dass man entweder die Umwelt oder faire Arbeitsbedingungen unterstützen möchte, aber nicht so, dass es umfassend gemacht wird.

Sind die Ursachen für Boykotte heute andere als früher?

Die Gründe haben sich stark verändert. In den 50er und 60er Jahren gab es in den USA die "Grassroots-Bewegung". Es ging früher um ökonomische Boykotte. Wenn Lebensmittel teurer wurden, dann haben sich die Hausfrauen mobilisiert und darum gekämpft, dass die Preise reduziert wurden. Eine Theorie besagt, dass sich das durch die Gleichberechtigung geändert hat. Frauen hatten dann weniger Zeit und ein höheres Einkommen, sodass die Boykotte nicht mehr notwendig wurden. Mittlerweile gibt es vor allem politische Motive: Es wird wegen Umweltschäden, wegen Standortverlagerungen oder schlechten Arbeitsbedingungen boykottiert. Und natürlich spielt heute auch das Internet eine viel größere Rolle, um Boykott-Aufrufe in die Welt zu setzen.

Der Wirtschaftspsychologe Stefan Hoffmann lehrt Marketing an der TU-Dresden und verfasste zahlreiche Werke zum Thema Konsumenten-Boykott.