Wien.

Erdrückt von der Last des Leistungs- und Zeitdrucks: Immer mehr Arbeitnehmer fallen aus. - © lichtmeister - Fotolia
Erdrückt von der Last des Leistungs- und Zeitdrucks: Immer mehr Arbeitnehmer fallen aus. - © lichtmeister - Fotolia
Stress, Kopfweh, Müdigkeit. Wer beim Betreten des Büros von diesen Symptomen befallen wird, könnte der Nächste auf der Liste sein. Auf der Liste derer, die durch die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz erkranken. Die Zahl der Krankenstandtage infolge von psychischen Erkrankungen hat sich seit 1995 verdoppelt und seit 1991 verdreifacht, wie eine Studie ergab, die die Arbeiterkammer (AK) beim Wirtschaftsforschungsinstitut und der Donau-Universität Krems in Auftrag gegeben hatte.

Demnach fallen Beschäftigte mit arbeitsbedingten psychischen Belastungen an 3,3 Tagen im Jahr aus - jene ohne derartige Stressfaktoren an nur 0,8 Tagen. Bei den Neuzugängen in die Berufsunfähigkeits- oder Invaliditätspension erfolgen bereits 32 Prozent aus psychischen Gründen. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten, die dadurch entstehen, sind hoch: Sie liegen laut AK-Präsident Herbert Tumpel bei 3,3 Milliarden Euro, wie dieser am Mittwoch vor Journalisten betonte.

Warum es zu diesem Anstieg kam, erklärte Tumpel so: Es seien die Veränderungen in der Arbeitswelt, die mit einer Vervielfachung der krankmachenden Faktoren einhergingen. "Vor 20 Jahren war noch die Hälfte der Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor tätig, heute sind es zwei Drittel." In diesem Sektor werde jedoch die Psyche stärker als in Industrie und Gewerbe beansprucht, wodurch die Betroffenen - je älter, desto mehr - anfälliger für gesundheitliche Probleme seien.

Prävention gefordert


Vor allem Menschen im personenbezogenen Dienstleistungssektor, allen voran im Gesundheits- und Sozial- sowie Unterrichtswesen, seien betroffen: von erhöhtem Zeit- und Leistungsdruck sowie Mobbing, was mit Jobunsicherheit und fehlender Anerkennung zu einer Belastung heranwachse, so Tumpel. Diese mit Pillen zu bekämpfen, sei ebenfalls nicht zielführend, fügte Gudrun Biffl, Projektleiterin der Donau-Universität, hinzu: "Das schlägt sich auf die Psyche nieder und mündet in ein Burnout. Die Menschen erscheinen zwar am Arbeitsplatz, sind aber nicht mehr produktiv."

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, fordert die AK, dass Präventionsstrategien gegen psychische Belastungen im Arbeitnehmerschutzgesetz verankert werden. Was laut Tumpel konkret bedeutet, dass jeder Betrieb künftig Arbeits- und Organisationspsychologen anbieten und die psychischen Arbeitsbelastungen regelmäßig evaluieren muss.

Diese Forderungen "nach Zwang und Quoten beim Einsatz von Arbeitspsychologen" weist jedoch Martin Gleismann von der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) zurück. "Nicht jeder Betrieb braucht zwingend psychologische Betreuung. Das Know-how des Arbeitsmediziners reicht völlig aus, insbesondere wenn er eine psychologische Schulung erhält", meint er. Den Anstieg der Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen könne man zudem nicht ausschließlich auf das Arbeitsumfeld zurückführen.

Burnout nicht mehr verpönt


Renate Lehner von der Gewerkschaft "vida" sieht das anders: Die Zunahme an Krankenständen zeige deutlich, dass viele Beschäftigte durch Dauerstress am Limit seien. Daher müsse das Arbeitnehmerschutzgesetz überarbeitet und die Präventionsarbeit sehr wohl verstärkt werden.

Die Idee, Arbeitspsychologen einzusetzen, hält auch der Psychologenverband für zielführend. Die Umsetzung könnte laut Psychologin Karin Busch-Frankl allerdings problematisch werden. Spreche sich doch trotz Verschwiegenheitspflicht des Psychologen in einem Betrieb schnell herum, wer Hilfe in Anspruch nimmt. Grundsätzlich seien Burnout und Stress aber nicht mehr so verpönt wie früher - als ein psychisch Kranker noch automatisch "Verrückter" geschimpft wurde.