Kein Wunschkind: 92 Prozent der Schwangerschaften bei Jugendlichen sind ungewollt.
Kein Wunschkind: 92 Prozent der Schwangerschaften bei Jugendlichen sind ungewollt.

Wien. Früher waren es die "Bravo"-Hefte - heute ist es vor allem das Internet, über das pubertierende Jugendliche mehr über den eigenen Körper und Sexualität erfahren wollen. Ein viel weiteres Feld also, das alles Wissenswerte zu bieten scheint, Jugendliche zu aufgeklärten Menschen macht und Lehrer und Eltern der - zumeist unangenehmen - Aufgabe eines Gesprächs zum Beispiel über Verhütung enthebt? Weit gefehlt.

Denn trotz des allgegenwärtigen Zugangs zu Informationen über das eigene und andere Geschlecht bewegt sich die Zahl der Abtreibungen bei Jugendlichen auf hohem Niveau. Laut Christian Fiala, Gynäkologe und ärztlicher Leiter des Ambulatoriums "Gynmed", das Schwangerschaftsabbrüche durchführt, sind 14 Prozent seiner Klientinnen zwischen elf und 20 Jahre alt. Elke Graf, Geschäftsleiterin des "pro:woman"-Ambulatoriums auf dem Wiener Fleischmarkt, verzeichnet sogar eine Verdreifachung der Abtreibungen bei Jugendlichen in den vergangenen fünf Jahren. "Waren es 2007 noch vier, sind heute zwölf Prozent der Frauen, die zu uns kommen, minderjährig", sagt sie zur "Wiener Zeitung". Der große Anstieg war allerdings vor 2009, mittlerweile habe sich die Zahl eingependelt.

Von einer aktuellen Zunahme weiß zwar auch die Gynäkologin Daniela Dörfler von der Medizinischen Universität Wien nichts (eine offizielle Statistik gibt es in Österreich nicht) - die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Jugendlichen sei aber jedenfalls zu hoch. "Beim Thema Aufklärung besteht immer noch Handlungsbedarf", sagt Dörfler, deren Erfahrung nach die Hälfte der Jugendlichen vor einem Alter von 15 Jahren den ersten Geschlechtsverkehr hat. An Wissen mangle es den meisten zwar nicht - an der Umsetzung aber sehr wohl. "Das Sich-selbst-Aufklären bedeutet zumeist Pornos schauen. Wie es funktioniert, wissen die Kinder trotzdem nicht", bringt es Graf auf den Punkt. Vor allem, dass es bei Sexualität um Empfinden und Gefühle geht, bleibe bei Informationen dieser Art ausgespart - und auch Verhütung sei kein Thema.

"Die Gesellschaft macht Jugendlichen das Verhüten schwer, obwohl man heute einer Schwangerschaft gut vorbeugen könnte", meint dazu Fiala. Der Kern des Problems sei die Doppelmoral der Erwachsenen: Sexualität sei nach wie vor ein Tabuthema, über das nicht offen gesprochen werde. "Aber wenn ein Kind schwanger wird, entrüsten sie sich", so Fiala.