Wien. Das Gras wuchert, in eine Nische schmiegt sich ein Blumenbeet, in eine andere eine schattige Sitzecke. Farbenfroh bemalte Sessel schmücken die Wiese. Ein Schrebergarten irgendwo weit außerhalb Wiens? Weit gefehlt. In dem begrünten Innenhof in der Schottenfeldgasse 12 in Wien-Neubau "sollen Schüler wachsen und sich entfalten", so Kerstin Wörz, die mit Tosca Wendt eine völlig neue Ausbildungsreihe ins Leben gerufen hat: "ModAS", eine Schule für soziale Berufe, die im Herbst startet und sich speziell an Schulabbrecher, Menschen mit brüchigen Bildungskarrieren, Berufsumsteiger sowie Migranten richtet. "ModAS" besteht aus drei einjährigen Modulen, die jeweils mit einer Berufsausbildung abschließen, aber auch mit beliebig langen Pausen aneinandergereiht werden können, und stellt somit eine Alternative etwa zur dreijährigen Fachhochschule für sozialwissenschaftliche Berufe dar.

"Das Wesentliche ist, dass man für die ersten zwei Module keine Matura braucht und nur für das dritte eine Matura, Studienberechtigungs- oder Berufsreifeprüfung - und, dass das ,Klassenzimmer‘ ganz und gar nicht den sterilen Charakter einer Schule versprüht", sagte Wendt bei der Präsentation von "ModAS" am Donnerstag. Werden doch die Schüler, die zwischen 19 und 55 Jahre alt sein werden, entweder im Garten oder in einem hellen Raum mit bequemen Polstersesseln unterrichtet. Flipchart oder Whiteboard fehlen, stattdessen dient eine Holzstaffelei als Tafel. Die Wände zieren Ansichtskarten mit Urlaubsmotiven. "Schulabbrecher sind oft traumatisiert, normale Bildungseinrichtungen wirken auf sie bedrohlich", meint Wendt. Eine wohnliche Umgebung sei daher essenziell, um die Lernbereitschaft zu fördern.

Diversität der Gruppe zählt

Genauso wichtig ist den Initiatorinnen, hinter denen der Verein "bildungs-akademie" steht, die Diversität der Gruppe. Das erste Modul soll im September mit rund 25 Schülern "mindestens sieben verschiedener Nationalitäten" beginnen, damit sie durch den gegenseitigen Austausch soziales Verhalten lernen. Denn, so Wendt: "Auch Alltagsprobleme sollen besprochen werden." Interessenten gebe es bereits, der Auswahltag ist für 27.Juni anberaumt. "Dabei geht es weniger um das Vorwissen als um das Verhalten in der Gruppe."

Die Lehreinheiten finden einmal wöchentlich je einen Tag lang statt, damit sie auch berufsbegleitend besucht werden können. Pro Modul müssen 120 Praktikumsstunden absolviert werden. Nach einem Jahr und mehreren Prüfungen schließen die Teilnehmer als "Soziale Alltagsbetreuer" ab, nach dem zweiten Modul sind sie "Assistenten für Sozialpädagogik und Sozialwesen". Das dritte Modul, das durch den Stadtschulrat genehmigt werden musste, wird mit dem "Diplom Sozialpädagogen und Fachkraft für Sozialwesen" beendet.

Jedes einzelne Modul kostet 3200 Euro - "wir informieren aber über die Vielzahl an bis zu 100-prozentigen Förderungen, zum Beispiel über das Arbeitsmarktservice", betont Wendt. Die Berufsaussichten für Absolventen scheinen jedenfalls gut zu sein: Studien des Arbeitsmarktservices zufolge liegt der Bereich "Soziales - Erziehung - Bildung" direkt hinter "Gesundheit und Pflege" an dritter Stelle aller gesuchten Berufe. An vorderster Front steht "Hotel- und Gastgewerbe".

"Module setzen sich durch"

Und auch Bildungsexperten stellen dieser neuen Ausbildungsreihe ein gutes Zeugnis aus. "Ich denke, dass sich das modulare System generell durchsetzen wird, weil in Zukunft nicht mehr nur eine Ausbildung wichtig ist. Vielmehr werden auf die erste Berufstätigkeit über Phasen der Arbeitslosigkeit neue Ausbildungen folgen - indem man sich auch an der Nachfrage am Arbeitsmarkt orientiert", sagt etwa Bildungsexpertin Christa Koenne zur "Wiener Zeitung". Bereits seit mehreren Jahren bewege man sich auch in der traditionellen Ausbildung weg von jahrelangen Studien hin zu kürzeren Ausbildungen wie etwa Fachhochschulen.

"Ziel ist eine höhere Flexibilität", ergänzt Bildungspsychologin Christiane Spiel. Woraus auch der aktuelle Trend erwachse, dass Menschen ohne Matura mehr Chancen zugebilligt und bisher unerreichbare Berufsausbildungen für sie möglich werden.