Wien. Heuer hat es in heimischen Justizanstalten (JA) insgesamt vier sexuelle Übergriffe auf Jugendliche gegeben. Einen entsprechenden Bericht der Tageszeitung "Die Presse" (Mittwoch-Ausgabe) bestätigte am Dienstagnachmittag Sven Pöllauer, Sprecher von Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP). Wie der Leiter der Vollzugsdirektion, Peter Prechtl, gegenüber der APA sagte, handle es sich "trotz allem um Einzelfälle". Die Ressortchefin sah sich unterdessen von Rücktrittsforderungen seitens der Grünen konfrontiert.

  Neben bereits bekannten Fällen in der JA Josefstadt sowie in der Vollzugsanstalt Gerasdorf ist es demnach in Jugendabteilungen in Graz und Linz zu Missbrauchsfällen gekommen. "Beide wurden angezeigt, es gibt den Verdacht auf sexuelle Handlungen, aber beide Fälle befinden sich noch im Verfahrenszustand", betonte Prechtl.

  Die Justizministerin hat am Freitag von den bis heute, Dienstag, der Öffentlichkeit nicht bekannt gewesenen drei Fällen erfahren. Wie Pöllauer der APA erläuterte, hatte Karl nach Bekanntwerden des sexuellen Übergriffs in der Justizanstalt (JA) Josefstadt, wo Anfang Mai ein 14-Jähriger von älteren Mitgefangenen vergewaltigt wurde, alle Gefängnisse des Landes aufgefordert, ihr allfällige Übergriffe zu melden.

  Der interne Bericht sei der Ministerin am Freitag vorgelegt worden, sagte Pöllauer. Als ersten Schritt habe die Justizministerin die Berichtspflicht geändert: "Zukünftig müssen solche Fälle von den betroffenen Anstalten direkt der Ministerin gemeldet werden."

  Der Übergriff in Gerasdorf - ein 1995 geborener Häftling soll Anfang Jänner einen um ein Jahr jüngeren Mitgefangenen mit einem Besenstiel vergewaltigt haben - unterscheidet sich deutlich von jenem in der JA Josefstadt. In Gerasdorf war es nicht in einer Zelle, sondern im an sich überwachten Fitness-Raum zum Missbrauch eines 17-Jährigen gekommen - an einem "Vormittag am Wochenende, kurz vor der Bewegung im Freien", wie Prechtl sagte.

  Zu diesem Zeitpunkt stünden die Zellen offen, die etwa 30 Insassen könnten sich frei bewegen. "Zwei Beamte haben da in der Regel Dienst, sie können nicht alles zugleich überwachen", meinte Prechtl. Man habe den Verdächtigen sofort angezeigt. Die Anklageschrift sei bereits fertig, demnächst komme es zur Verhandlung. Wie die "Presse" berichtete, könnte es Beweisprobleme geben, da das Opfer eine umfassende medizinische Untersuchung verweigert hätte.

  124 Jugendliche (im Alter von 14 bis 18 Jahren) befanden sich am Dienstag in Österreich in Haft. "Es wird viel getan, wir beraten uns intern und extern. Wir sensibilisieren unsere Mitarbeiter. Aber in Gefängnissen kommt es immer wieder zu Konflikten. Es ist ein schwieriges Metier für alle, die dort arbeiten", betonte Prechtl.

  Den Opfern wurde seitens des Ministeriums, so Pöllauer, Unterstützung zugesagt. Karl habe sich "auch in dem Gerasdorfer Fall brieflich an das Opfer gewandt" und auf die Möglichkeiten von Entschädigungszahlungen hingewiesen.

  Kritik an Karl kam von den Grünen: Die Justizministerin "ist rücktrittsreif", sagte der Grüne Justizsprecher Albert Steinhauser. "Eine Ministerin, die öffentlich von einem Einzelfall spricht, obwohl ihr bekannt sein müsste, dass es weitere sexuelle Gewaltdelikte im Jugendstrafvollzug gegeben hat, ist nicht mehr vertrauenswürdig", so der Abgeordnete.

  Heftige Kritik an der Ressortchefin übte auch das Team Stronach. Jugendsprecher Stefan Markowitz sprach von einem Justizskandal: "Karl hat einen tragischen Missbrauchsfall in der Justizanstalt Josefstadt als Einzelfall verharmlost und will offenbar weitere Fälle vertuschen." Er erwarte von Karl, dass sie "endlich Maßnahmen setzt". Andernfalls sei sie rücktrittsreif.