Wien. "Ich hasse Menschenansammlungen", sagt eine ältere Frau und leckt sich über die Lippen. "Geh, Dir wird schon nichts passieren", sagt die Frau ihr gegenüber lächelnd. Es ist früher Abend, die beiden Frauen stehen am Christian-Broda Platz am Ende der Wiener Mariahilfer Straße. Und tatsächlich kann man hier wohl von einer Menschenansammlung sprechen: 20.000 Demonstranten finden sich hier zusammen, um unter dem Motto "Mensch sein in Österreich" für eine menschenwürdigere Flüchtlingspolitik auf die Straße zu gehen. Der von Privatpersonen organisierten Demonstration haben sich auch Organisationen wie SOS Mitmensch, die Diakonie und "Flucht nach Vorn" angeschlossen.

"Menschenrecht an erster Stelle"

Nach einigen Begrüßungsworten betritt Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch, die Bühne. In den letzten Tagen habe es angesichts schrecklicher Ereignisse viele Schweigeminuten gegeben, sagt Pollak in Bezug auf den Tod der 71 Flüchtlinge im Burgenland. Er ruft aber zu einer Applausminute auf für die freiwilligen Helfer auf, die Flüchtlinge unentgeltlich unterstützen. Nach einer Minute schallendem Applaus lobt Pollak das private Engagement angesichts einer "Politik, die vergessen hat, dass Menschenrecht immer an erster Stelle stehen muss", wie er sagt. Schlepper, die Menschen verdursten oder verhungern lassen und die Menschen ausbeuten, seien Verbrecher, stellt Pollak klar. Diese Schlepper seien aber auch der einzigen, die den Menschen Hoffnung geben, ihr Zielland zu erreichen. "Wenn die österreichische Bundesregierung wirklich Menschenleben retten will, dann muss sie dafür sorgen, dass Menschen in Österreich einreisen und auch durchreisen dürfen."

Die Demonstranten selbst sind bunt durchgemischt, neben parteipolitischen Organisationen marschieren zahlreiche NGOs, aber auch Privatpersonen mit. So etwa Gerda. Die 61-jährige kam durch ihre Tochter auf die Idee, in Traiskirchen Deutschkurse zu geben. Ihre Motivation, nun auch auf die Straße zu gehen? Sie wolle mehr tun als nur spenden. "Ich war ja auch schon vor 20 Jahren beim Lichtermeer", sagt sie und meint damit die Demonstration, die sich in den 90er Jahren gegen den Aufstieg des verstorbenen FPÖ-Politikers Jörg Haiders wandte. So viele Menschen wie damals marschieren heute nicht auf der Mariahilfer Straße. Aber immerhin ist die gesamte Straße von Anfang bis Ende mit Menschenmassen gefüllt.


Eine der Organisatorinnen der Veranstaltung ist Nadja Rieder. Die Jugendarbeiterin war schon mehrere Male in Traiskirchen, um zu helfen. "Asyl zu beantragen ist kein Bitten oder Betteln, es ist ein Menschenrecht", sagt Rieder. So sollten auch vernünftige Unterkünfte geschaffen werden, wie sie sagt: "Wir haben Millionen an Steuergeldern gezahlt, für Flüchtlingsquartiere, die keine Quartiere sind." Am Rande der Demonstration erklärt die 29-Jährige das Ziel der Demonstration: "Wir wollen denjenigen, die etwas zu entscheiden haben zeigen, wie viele wir sind und was wir fordern." An der Masse von Menschen sollte es nicht scheitern.