Wien. Wer es schon einmal in der Früh vor dem Weg in die Arbeit zuhause liegen gelassen hat, kennt dieses Gefühl der Verlorenheit. Zuerst leicht nervös, dann durchsucht man höchst panisch seine Jacken- und Hosensäcke nach dem vergessenen Handy, hofft auf seinen Klingelton, sein sanftes Vibrieren, um schließlich feststellen zu müssen, dass man ohne Verbindung zum Rest der Welt, wie es einem scheint, weiterkommen muss. Zumindest so lange, bis man den Computer im Büro einschalten kann. Dann geht es einem wieder besser.

Ein schwacher Trost: Mit diesem Wechselbad der Gefühle beim Verlust des Online-Zugangs ist man vermutlich nicht allein. Bereits 84 Prozent aller 16- bis 74-Jährigen in Österreich nutzen laut einer aktuellen Erhebung der Statistik Austria das Internet. Das sind 5,4 Millionen Menschen. Betrachtet man die Gruppe der 16- bis 34-Jährigen, so kann man eigentlich gar nicht mehr von einem Prozentsatz sprechen. Hier gehen laut Statistik Austria praktisch alle ins Internet. Ab einem Alter von 35 Jahren hängt die Internetnutzung mit der Bildung zusammen: Je höher, desto öfter sind die Menschen online.

Gruppe der Senioren hat
am stärksten aufgeholt


Mit zunehmendem Alter nimmt der Prozentsatz der Nutzer generell ab, und der Unterschied zwischen den Geschlechtern wird deutlicher. Unter den über 55-Jährigen etwa nutzen 70 Prozent der Männer, aber nur noch 49 Prozent der Frauen das Internet.

Grundsätzlich hat diese Altersgruppe aber enorm aufgeholt. Waren 2005 noch 26,4 Prozent der 55- bis 64-Jährigen und 8,5 Prozent der 65- bis 74-Jährigen im Internet unterwegs, so sind es heute 69,4 respektive 46 Prozent.

Gestiegen ist auch der Anteil all jener, die über mobile Endgeräte wie Telefon, Laptop oder Tablet ins Internet einsteigen. Im Jahr 2011 taten das 45 Prozent, heute sind es bereits 76 Prozent. Und wieder sind es die unter 35-Jährigen, die am meisten mobile Endgeräte nutzen.

Die größte Faszination am Internet scheint aber etwas ganz Banales zu sein. Etwas, das es so lange wie den Menschen selbst gibt: die Kommunikation. 90 Prozent verwenden das Internet dafür, 74 Prozent, weil sie Informationen zu Waren oder Dienstleistungen suchen, und 68 Prozent, weil sie sich Wissen aneignen wollen. Ebenfalls um die 60 Prozent lesen Online-Nachrichten, suchen gesundheitsbezogene Informationen, erledigen ihre Bankgeschäfte oder buchen Reisen.

Spinnt man den Faden weiter, stellt sich unweigerlich die Frage, wohin das führen wird. Wird der Tag kommen, an dem die virtuelle die reale Welt abgelöst hat? An dem keiner mehr auf die Bank, in die Buchhandlung oder ins Reisebüro geht - oder ins Kaffeehaus, um sich persönlich mit seinen Freunden zu treffen?

"Die Qualität der Freundschaft wird wieder wichtig"


Wohl kaum. Denn schon jetzt ist laut dem Institut für Jugendkulturforschung eine Trend-Umkehr zu bemerken: "Defriending" sei die Antwort auf das Sich-zur-Schau-Stellen im Internet. Auf den Druck, ständig die attraktivsten Selfies auf Facebook, Instagram oder WhatsApp posten zu müssen, um erfolgreich und perfekt auf die Social-Media-Community zu wirken. Und darauf, sich selbst über die Zahl der Likes zu definieren. Rückzug ist die logische Konsequenz - und das Streichen seiner Freunde von diversen Foren, bis nur einige wenige übrig bleiben. "Man hat nur noch mit denen Kontakt, mit denen man im echten Leben auch befreundet ist", sagt Martina Schorn vom Institut für Jugendkulturforschung zur "Wiener Zeitung". "Die Qualität der Freundschaft wird wieder wichtig."

Noch sei es eine Minderheit höher gebildeter Jugendlicher, die ihren Internet-Auftritt nur noch einer Handvoll Freunde zugänglich machen. Deren Zahl steige aber massiv an. Es sei die Diskrepanz zwischen Realität und Darstellung, vor der diese Menschen flüchten. Sie wollen ihre Freunde nicht über deren virtuelle Selbstdarstellung finden, sondern über soziale Qualitäten.