Ihr ideales Hauswürde Bauphysikerin  Azra Korjenic ausStroh errichten, die Wände wären innen und außen begrünt. AuchPhotovoltaik-Paneele wären integriert. 
- © www.kardea.at, TU Wien

Ihr ideales Hauswürde Bauphysikerin  Azra Korjenic ausStroh errichten, die Wände wären innen und außen begrünt. AuchPhotovoltaik-Paneele wären integriert.

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Thermische Sanierungen zahlen sich aus, hat jüngst die Österreichische Energieagentur festgestellt: Bei Gebäuden, deren Fassade nachträglich gedämmt wird, sinken die Energiekosten um durchschnittlich 44 Prozent, der CO2-Ausstoß um durchschnittlich 46 Prozent. Energieeffizient zu bauen und Neubauten ordentlich zu dämmen, bringt also etwas für die Geldbörse. Auf die Spitze getrieben wurde es in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit dem sogenannten Passivhaus, das ganz ohne Heizung auskommen soll. Allerdings ist der Passivhausstandard mittlerweile auch schon überholt, meint Azra Korjenic, Professorin im Forschungsbereich für Bauphysik und Schallschutz an der Technischen Universität Wien: "Heute wird viel mehr berücksichtigt als bloß der Heizwärmebedarf, der Energieverbrauch oder die Dichtheit der Gebäudehülle, wie es beim Passivhausstandard der Fall ist."

Inzwischen geht es mehr um eine ganzheitliche Betrachtung, sagt die Bauphysikerin, die zu ökologischen Baustoffen forscht und im Jahr 2013 mit dem Umweltpreis der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik und im Jahr 2015 mit dem Energy Globe ausgezeichnet wurde. "Man schaut sich alles genau an, und wenn man in einem Bereich besser ist, darf man in einem anderen auch ein bisschen schlechter sein. Und man schaut sich auch den Gesamtenergiebedarf jedes eingebauten Baustoffes an, von der Produktion bis zum Recycling. Dieser Ansatz war beim Passivhausstandard noch gar nicht enthalten, da hat man bloß den Energiebedarf im Gebäude berechnet und jenen der Baustoffe mehr oder weniger außer Acht gelassen. Aber nur einen Teil anzuschauen, bringt wenig. Man muss auch bedenken, dass ökologische Materialien, die beim gesunden Wohnen eine Rolle spielen, in der Regel auch bei der Produktion nachhaltiger sind und die Umwelt weniger belasten."

Das Passivhaus ist also längst nicht mehr das Maß aller Dinge. "Wenn man nur diese Anforderungen erfüllt, dann ist man eigentlich unter dem heutigen Niveau", sagt Korjenic. Sie glaubt aber daran, dass sich das Passivhaus als Marke noch länger halten wird. "Es muss sich freilich dem Stand der Technik anpassen. Gesundes Wohnen wird ein immer wichtigeres Thema. Und beim ökologischen Bauen passt zum Beispiel Styropor, mit dem Passivhäuser oft gedämmt werden, einfach nicht hinein. Dämmung ist aber ganz wichtig, um Energie einzusparen – nur wird leider häufig mit den falschen Materialien gedämmt. Es gibt auf jeden Fall bessere Möglichkeiten, gesundes Wohnen und niedrigen Energieverbrauch umweltschonend zu verbinden. Freilich, Styropor ist halt am billigsten."

Die grünenKlassenwände stoßen bei den Schülern auf positive Resonanz. 
- © www.florawall.at, TU Wien

Die grünenKlassenwände stoßen bei den Schülern auf positive Resonanz.

- © www.florawall.at, TU Wien

"Viele haben einfach Angst, sich auf Neues einzulassen"

Dabei muss ein ökologisch gedämmtes Haus gar nicht teurer sein als ein konventionelles, meint Korjenic. "Viele haben einfach Angst, sich auf Neues einzulassen. Ich glaube, bei den nachwachsenden Baustoffen sind viele einfach unsicher: Kommen da Insekten rein, drohen Schimmel oder Verrottung? Da lässt man dann lieber gleich die Finger davon. Oder man geht auf Nummer sicher und kauft extra teures Material. Dabei muss das gar nicht sein." Und Michael Gromer, Kundenberater bei der Unser Strohhaus Bau GmbH, ergänzt: "Ein Strohhaus ist nicht teurer als ein herkömmliches Haus. Wenn die Energiekennzahl verglichen wird, ist es sogar um einiges günstiger, bis zu 5 bis 10 Prozent." So werden die Baukosten, die etwa 65 bis 70 Prozent der gesamten Hauskosten ausmachen, für ein Strohhaus in Passivhausqualität mit etwa 1500 Euro pro Quadratmeter Wohnnutzfläche (Ungenauigkeit plus/minus 5 Prozent) angegeben und für ein Niedrigenergiehaus mit 1400 bis 1450 Euro pro Quadratmeter. Das liegt also ziemlich im Mittel der üblichen Baukosten, die in Österreich zwischen 1200 und 1700 Euro liegen.

Der Öko-Prüfstandder Technischen Universität Wien mit Strohwänden. Einen Professionisten für den Lehmputz zu finden, war gar nicht so einfach, berichtet Azra Korjenic.
 
- © TU Wien

Der Öko-Prüfstandder Technischen Universität Wien mit Strohwänden. Einen Professionisten für den Lehmputz zu finden, war gar nicht so einfach, berichtet Azra Korjenic.

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Bisher entstehen echte Ökohäuser in Österreich meist in privater Eigenregie, weil sich viele Baufirmen noch sehr zurückhalten. Ausnahmen bilden etwa die Anbieter Unser Strohhaus und Kardea. "Die meisten haben offenbar noch Scheu und kennen sich nicht gut genug aus", meint Korjenic. "Wir haben an unserem Institut einen Öko-Prüfstand gebaut und dafür einen Lehmputz gebraucht. Als ich einen Fachmann engagieren wollte, hat der glatt abgelehnt, weil er sich nicht getraut hat. Er wollte nichts falsch machen. Dabei haben die Menschen vor tausend Jahren schon so gebaut, aber dieses Wissen ist offenbar verloren gegangen. Wir haben aber ein paar tolle private Projekte in Österreich, bei denen wirklich qualitativ hochwertige Häuser entstanden sind. Zum Teil haben die privaten Bauherren dabei auf Facebook Aufrufe gestartet, wer mitmachen und seine Arbeitskraft oder sein Know-how einbringen möchte. Aber das sind halt Einzelprojekte."

"Mit ökologischen Baustoffen wie Stroh muss man ein bisschen anders bauen als mit Ziegeln oder Beton"

Gerade Stroh hätte durchaus das Potenzial, einen breiten Markt zu erobern. Derzeit ist es aber immer noch ein Nischenprodukt, weil einerseits der Baustoff zu wenig bekannt und die Nachfrage sehr gering ist und andererseits die Hersteller nicht daran glauben, dass sie mit Stroh wirklich in die breite Masse gehen können, und sich deshalb zurückhalten – hier beißt sich also die Katze in den Schwanz. Mit dem Projekt, das Azra Korjenic gemeinsam mit ihren Kollegen David Tudiwer, Michael Mitterböck, Maria Soledad Penaranda, Vera Höckner, Thomas Mende und Tarja Salonen sowie TU-Studenten durchführt, möchte sie aufzeigen, dass diese ökologischen Baustoffe sehr wohl für den Hausbau geeignet sind. "Man muss freilich mit diesen Materialien ein bisschen anders bauen als mit Ziegeln oder Beton. Es gilt, ein paar Dinge zu berücksichtigen, dann funktionieren die Häuser auch."

Auch die Baubehörden sind zum Teil noch nicht reif für ihre Zukunftsvisionen: "Für ein Strohhaus bekommt man oft gar keine Baubewilligung. Die Forschung ist da viel weiter als die Politik und die Normung." Oft hängt das auch damit zusammen, wie gut man im jeweiligen Bauamt mit der Materie vertraut ist, meint Korjenic. Und so sind manche Gemeinden und deren Mitarbeiter offener für Ökohäuser als andere.

Grüne Innenwände für ein besseres Raumklima

Ihr ideales Haus, basierend auf ihrem aktuellen Forschungsstand, wäre ein Stroh-Holz-Haus (Stroh für die Wände, Vollholz für die Stabilisierung und in den Zwischendecken mit einer Trittschalldämmung aus Stroh oder Hanf), mit Lehmputz innen und außen (mit verschiedenen Zusätzen, um ihn witterungsbeständig zu machen), Photovoltaik-Paneelen und grünen Wänden, "sowohl draußen an der Fassade als auch in den Innenräumen, denn Pflanzen absorbieren nicht nur sehr viel Schall, sondern verbessern auch das Raumklima in Bezug auf CO2 und Feuchtigkeit". Freilich, an Pflanzen an der Wand in Innenräumen muss man sich erst einmal gewöhnen. Die Schüler des Gymnasiums in der Kandlgasse 39, im 7. Bezirk, wo Korjenic für die TU Wien seit Sommer 2015 ein solches Projekt umsetzt, sind jedenfalls davon angetan: "Die Luft ist besser als davor, es ist nicht mehr so stickig, und man kann sich auch besser konzentrieren, als wenn da eine nackte weiße Wand wäre", sagt eine Schülerin. Ein Klassenkollege hat das Gefühl, "dass mir die grüne Wand mehr Energie gibt". An den Außen- und Innenwänden des Schulgebäudes wurden verschiedene Grünsysteme installiert, die nun verglichen und bewertet werden können. Das Projekt, das von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft, dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie sowie der Bundesimmobiliengesellschaft unterstützt wird, läuft bis Mai 2018, erste Ergebnisse gibt es aber schon jetzt: So ist der für die Dämmleistung relevante U-Wert im begrünten Bereich der Fassade um gut 20 Prozent niedriger als im nicht-begrünten. Die CO2-Konzentration in den Klassenräumen wurde deutlich gemindert, und auch die Schallpegel sind merklich gesunken.

Und was braucht ein Haus tatsächlich an Haustechnik? Ist das Konzept von starker Dämmung gepaart mit einer Wohnraumlüftung gegen Schimmelbefall auch überholt? "Lüftungsanlagen sind schon gut", meint Korjenic. "Je dichter die Gebäudehülle ist, desto mehr Luftaustausch braucht man, da hat man ohne Lüftungsanlage womöglich wirklich sehr schlechte Luft." Kritiker wie der deutsche Architekt Manfred Heinlein weisen allerdings darauf hin, dass solche Lüftungsanlagen auch nicht unbedingt gut für die Gesundheit der Hausbewohner sind: "Die Rohre setzen sich mit der Zeit so mit Staub voll, dass Bakterien sich darin ideal vermehren können." Und neben dem relativ hohen Stromverbrauch (siehe Kasten!) sorgt auch der jährlich notwendige Filtertausch für laufende Kosten, die nicht zu unterschätzen sind.

Es geht aber eben auch anders, meint Korjenic: "Man muss ja nicht so extrem dicht bauen, mit Dreifachverglasung und 20 Zentimetern Außendämmung." Auch ihr Strohhaus wäre gar nicht so dicht, und trotzdem ginge dank des verwendeten Materials nicht so viel Wärme im Winter verloren, beziehungsweise bliebe es im Sommer relativ kühl. Freilich, ganz ohne Heizung ginge es in kalten Wintern nicht. Ein Strohhaus mit Holzständerkonstruktion braucht eine Wandstärke von 50 bis 60 Zentimetern (bei reinen Strohwänden sind es 90 Zentimeter), die manche Bauherren wegen der dadurch verbrauchten Grundfläche abschrecken könnte. "Da wäre die Dämmschicht aber schon inkludiert", relativiert die Bauforscherin und verweist darauf, dass die Wände von gängigen Niedrigenergie- und Passivhäusern mitunter genauso dick sind: "Im Extremfall werden auf 20 bis 25 Zentimeter Stahlbeton oder 30 Zentimeter Ziegel noch einmal bis zu 40 Zentimeter EPS-Platten draufgeklebt." Sie selbst wohnt übrigens in einem Wiener Altbau und stellt dazu fest: "Wir haben 60 Zentimeter dicke Außenwände aus Ziegel und überhaupt keine Dämmung – und trotzdem gute Dämmwerte."

Auf privaten Hausdachern lieber Photovoltaik- als Solaranlagen

Aber zurück zu ihrem idealen Haus: Da gäbe es für die Gebäudegröße – abgesehen von den österreichischen Bauvorschriften – eigentlich kaum Limits. Mit entsprechender Holzkonstruktion ist auch ein vielstöckiges Haus denkbar (bei reinen Strohhäusern sind je nach Gebäudeform zwei bis drei Etagen möglich). Einen Keller hätte es nicht, sondern einen größeren Abstellraum: "Bezüglich Haustechnik besteht kein großer Platzbedarf. Wäre das Haus für eine sehr große Familie, die wirklich einen Keller bräuchte, würde ich auf die Standardabdichtungen zurückgreifen." Die Bodenplatte würde sie als Streifenfundament mit Schalsteinen ausführen, darauf eine Rollierung (zum Beispiel Glasschaumschotter), auf der Leimbinder liegen. "Zwischen Schalsteinen und Holz ist eine Sperrschicht notwendig, damit das Holz durch den Kontakt mit dem Beton nicht verrottet."

Und warum würde Korjenic auf dem Dach eine Photovoltaik- und keine Solaranlage verbauen? Ihre Antwort hat mit dem Nutzungsverhalten zu tun: "In einem Hotel, einer Schule, einem Fitness-Center oder einem Krankenhaus, das auch im Sommer viel Warmwasser braucht, zahlt sich eine Solaranlage auf jeden Fall aus. Für ein Einfamilienhaus oder ein Bürogebäude ist eine Photovoltaikanlage wohl sinnvoller." Allerdings ist auch da das Problem das gleiche wie beim Warmwasser: Im Sommer gewinnt man mehr Strom und braucht weniger, im Winter braucht man mehr Strom und gewinnt weniger. Deshalb befasst sich ein ganzer Forschungszweig mit der Frage, wie man in Häusern langfristig sehr viel Strom speichern kann. "Da haben wir noch keine optimale Lösung, aber das würde uns in mehreren Bereichen sehr, sehr weiterhelfen."

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Marcus Franken & Monika Götze:
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