Theodore Zeldin, Historiker an der Universität Oxford, kritisiert die Achtsamkeitspädagogik.  - © Hannah Assouline
Theodore Zeldin, Historiker an der Universität Oxford, kritisiert die Achtsamkeitspädagogik.  - © Hannah Assouline

"Wiener Zeitung": Professor Zeldin, Sie sind ein Gegner der Achtsamkeit. Sie sagen, Achtsamkeit halte die Welt vom Denken ab – wie meinen Sie das?

"Theodore Zeldin": Jeder kann tun und lassen was er will, aber ich kann Ihnen erzählen, warum ich Achtsamkeit nicht befürworte und für kontraproduktiv halte. Achtsamkeit muss regelmäßig praktiziert werden, es ist keine Kur, sondern wie ein Tranquilizer, den man jeden Tag einnehmen muss. Ein Problem an "Mindfulness"-Konzepten ist, dass es das Wissen der Welt nicht vermehrt. Und ohne Wissenszuwachs kann man die Probleme dieser Welt nicht bewältigen. Meditation löst keine sozialen Probleme, doch diese sind die Ursache von Angst und Stress. Dass man diese sozialen Probleme auf die individuelle Ebene verlagert, ist Teil des Problems. Man geht zum Psychotherapeuten, damit man weniger unglücklich ist. Man hat die Alternative: Man kann hinausgehen, um die Welt zu verbessern. Oder man kann meditieren und sich vor der Welt und ihren unerwünschten Effekten verstecken.

Muss es wirklich das eine oder das andere sein – kann man nicht Achtsamkeit praktizieren und trotzdem die Welt verändern?

Die Menschen, die ich beobachte, vermischen das nicht. Ich kenne jemanden, der im Silicon Valley arbeitet und jeden Tag zehn Minuten meditiert, und dann geht er hinaus in die Konkurrenz-Gesellschaft.

Für Sie sind Meditation und Achtsamkeit also narzisstisch.

Ja. Das Ziel von Achtsamkeit ist es, mehr über sich selbst zu erfahren, und nicht über andere. Ich denke aber, dass es unmöglich ist, sich selbst zu kennen. Wenn man sich nur auf seine eigenen Probleme konzentriert, limitiert das, und es steht im Gegensatz zu Bildung. Es löst nicht die Ursache der Probleme, die man bekämpfen will. Zum Beispiel Arbeit: Es wird immer schwieriger, einen Job zu bekommen. Hat man eine gute Ausbildung, ist es schwierig, eine Arbeit zu bekommen, die diesen Fähigkeiten entspricht.

Diese Unehrlichkeit ist Teil des Finanzsystems. Die westliche Zivilisation steckt in einer Krise, mit all dem Populismus, der Intoleranz. Als Historiker denke ich daran, dass im 16. Jahrhundert China und Indien die größten Industrienationen waren. Diese Nationen kommen zurück, und wir dürfen nicht denken, dass diese die westliche Zivilisation immer die dominierende sein wird. Mindfulness blendet diese großen zivilisatorischen Probleme aus, und es verstümmelt das Erbe einer indischen Tradition. Die Mindfulness-Erfinder – unzufriedene amerikanische Hippies – haben mit Meditation ein Element des Buddhismus herausgepickt. Aber das, was die buddhistische Lebensweise ausmacht, haben sie eliminiert: Das Leiden zu akzeptieren oder Verzicht und die Notwendigkeit, sich dem weltlichen Leben zu entziehen. Diese ganze Philosophie wurde ausgespart, und stattdessen haben sie amerikanische Ideen daruntergemischt, etwa das Ziel, reich zu werden.