Genf/Wien. (ede) An einem verregneten Tag stundenlang mit einem Freund am Computer zocken: Ist das schon Sucht? Nein, sagt der Linzer Psychiater und Suchtexperte Kurosch Yazdi. Vorausgesetzt, die jungen Leute haben auch noch andere Interessen. Kritisch werde exzessives Computerspielen bei einem Rückzug aus der realen Welt. Freunde, Familie und Schule werden vernachlässigt, und es wird trotz negativer Konsequenzen weitergespielt.

Auf Betreiben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Computerspielsucht künftig offiziell als Krankheit gelten. Am 18. Juni 2018 erfolgt die Aufnahme von "Gaming disorder" in die 11. Auflage der "Internationalen Klassifikation von Krankheiten" (ICD).

Kurosch Yazdi begrüßt die Maßnahme der WHO, denn dadurch müssen künftig die Krankenkassen österreichweit die Behandlung von Computerspielsucht bezahlen. Bisher sei das je nach Bundesland unterschiedlich geregelt. Yazdi leitet die Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin des Kepler Universitätsklinikums Linz und gehört auch zum Team der Ambulanz für Spielsucht des Vereins "pro mente" Oberösterreich. Diese finanziert sich bisher ausschließlich durch Spenden.

"Die Eltern leiden hundertmal mehr"

Aufgrund des großen Andrangs wurde das Angebot um eine Gruppentherapie für Internetsüchtige ab 16 Jahren ausgeweitet, und für Eltern gibt es eine Gesprächsgruppe, die sich alle zwei Wochen trifft. "Die Eltern leiden hundertmal mehr", sagt der Mediziner.

Laut Anton Proksch Institut sind schätzungsweise ein bis zwei Prozent der österreichischen Bevölkerung süchtig nach Online-Spielen, fast ausschließlich junge Männer. Bei den 15- bis 18-Jährigen liege die Zahl der Betroffenen vermutlich sogar bei vier Prozent.

Die Einstufung von Computerspielsucht als Krankheit ist unter Wissenschaftern umstritten. Mediziner sprechen von Panikmache und warnen vor unnötigen Therapien und einer Stigmatisierung von eigentlich gesunden Kindern und Jugendlichen.