Wien. Unten ohne und breitbeinig sitzt Anna Daxbacher in einem Ohrensessel, während ihr die Künstlerin Gloria Dimmel graue Abdruckmasse auf das Genital schmiert. In einer Privatwohnung im 17. Bezirk lässt sie einen Gipsabdruck ihrer Vulva – dem äußeren weiblichen Geschlecht – anfertigen. Wozu? "Man sieht sich nie so", sagt die junge Frau mit den tätowierten Armen. "Also nicht in dieser Perspektive, nicht in 3D."

Dimmel startete das Projekt im Selbstexperiment nach Vorbild des britischen Künstlers Jamie McCartney, der in Brighton mit einer Wand aus 400 Vagina-Abdrücken im Vorjahr Furore machte. Ziel dieser Aktionen ist es, die Vielfalt der Vulven zu zeigen.

Wenig Kontakt im Alltag

"Hier sieht man, wie verschieden alle sind. Und alle sind schön", sagt Daxbacher und blickt auf die Abdrücke, die sich zu Dutzenden in Dimmels Schlafzimmer stapeln.

Ob in der Dusche oder am WC: Männer kommen mit ihrem Geschlecht im Alltag ständig in Berührung. Wollen Frauen in ihr "zweites Gesicht" blicken, müssen sie ein wenig kreativer werden, und manche finden sich untenrum so hässlich, dass sie lieber gar nicht hinschauen: Laut einer australischen Studie wissen 50 Prozent der Frauen nicht, wie eine "normale" Vulva aussieht. Eine von sieben kann sich vorstellen, sich operieren zu lassen.

In Selbsterfahrungsgruppen zum "dunklen Kontinent"

Den 68er-Frauen dürfte es alle Haare aufstellen, wenn sie das hören. Schließlich kämpften sie vor 50 Jahren für die Emanzipation des sozialen, aber auch des biologischen Geschlechts. Mit Spiegeln bewaffnet traf man sich in Selbsterfahrungsgruppen, um den "dunklen Kontinent" – wie Sigmund Freud die weibliche Sexualität nannte – zu erforschen.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute wird Sexualität nicht mehr in Hippie-Kommunen ausverhandelt, sondern auf Porno-Seiten im Internet. Hier lernen Jugendliche, wie Sex zu funktionieren und ihr Geschlecht auszusehen hat. Das hat weitreichende Folgen. Studien zeigen zwar, dass junge Menschen zwischen Porno und Realität unterscheiden können.

Doch von Schönheitsidealen bis hin zu Sexpraktiken prägt sich so manches eben doch ein: Viele Teenager glauben, Ins-Gesicht-Spritzen und Analsex gehörten dazu, und das durchaus beim ersten Mal, beschreibt die Psychologin und Autorin Sandra Konrad in ihrem Buch "Das beherrschte Geschlecht". Sie sprach mit Dutzenden Frauen zwischen 18 und 45 Jahren über Sex. Unter anderem fragte sie, ob die Frauen ihr Geschlecht mögen. "Hab‘ ich mir noch nicht sooo genau angeguckt", "Ganz ehrlich: Nicht wirklich, ich finde es überhaupt nicht schön" oder "Penisse sehen irgendwie hübscher aus" waren typische Antworten.