Wien. (kap) "Wer am 7. Oktober 1938 am Rosenkranzfest im Wiener Stephansdom teilgenommen hat, hat damals bewusst einen Bekenntnisakt gegen den Nationalsozialismus gesetzt." Das hat der Historiker Helmut Wohnout von der Universität Graz im Vorfeld der Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag des Rosenkranzfestes gegenüber Kathpress betont. Diesen Freitag spricht Wohnout, der dem wissenschaftlichen Beirat für das Gedenkjahr 1918/2018 angehört, als einer von mehreren Wissenschaftern bei einem Symposium im Wiener Erzbischöflichen Palais über das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche, dem damals jungen Staat Österreich und dem Nationalsozialismus.

Das in die Geschichte eingegangene Rosenkranzfest 1938 war ursprünglich sicher nicht als Provokation gegenüber den Nazis geplant. Am 7. Oktober sollte - wie seit Jahren üblich - schlicht das neue Arbeitsjahr mit einer religiösen Feier für Jugendliche im Wiener Stephansdom beginnen. Doch statt der erhofften 1500 bis 2000 Teilnehmer kamen gut 7000, die unter der Auflösung ihrer rund 500 Burschen- und 400 Mädchenvereine durch die neuen Machthaber litten. Es wurde "die erste und zugleich geschlossenste und in ihrer Art einmalige Demonstration des Widerstands junger Katholiken in der besetzten Heimat", schreibt der Verein "Unser Stephansdom" in seinem aktuellen Mitteilungsblatt.

In der Predigt des Wiener Erzbischofs Theodor Innitzer fiel zwar kein einziges politisches Wort, "und sie erscheint heute als eher harmlos", meinte später einer der Teilnehmer, der im Jahr 2006 verstorbene KZ-Überlebende Hermann Lein. "Aber damals, in dieser sensiblen Situation, haben wir viele Anspielungen, viele Dinge verstanden als klare, offizielle Absage des Kardinals an das nationalsozialistische Regime", so der damals 18-Jährige.

Eine spontane Demonstration und die Rache der Nazis


"Dieses offene Wort entsprach so dem Bewusstsein der dort anwesenden Jugendlichen, dass es danach zu einer nicht geplanten, spontanen Demonstration für Kardinal Innitzer kam, wo in Veränderung und Ironisierung die damals üblichen nationalsozialistischen Sprüche nun auf ihn angewendet wurden", erzählte Lein. "Zum Beispiel: ‚Bischof befiehl, wir folgen dir‘ und Ähnliches mehr. Es hat sich eine wirkliche - ich möcht’ fast sagen - Weihestimmung ergeben. An den Rändern haben sich schon Konfliktsituationen ergeben, aber in Wirklichkeit waren die damaligen Machthaber total überrumpelt, haben es überhaupt nicht für möglich gehalten, dass eine solche Manifestation überhaupt möglich ist."